Die historische, auf Mythen angelegte Selbstdarstellung der Revolution ist beispiellos. Sie ist eine Mischung aus politischem Narzissmus, revolutionsgeschichtlicher Denkmalpflege und bisweilen ins Religiöse gesteigerter Ikonographie. Die kubanische Revolution entmythologisiert sich jedoch selbst und ist am Ende nur ein weiteres Beispiel des nicht funktionierenden Real-Sozialismus.
Da wird die Yacht “Granma”, mit der Fidel Castro und seine Rebellen von Mexico nach Kuba übersiedelten, wie eine überdimensionierte Reliquie in einem Glashaus zur Schau gestellt. Einschusslöcher an der Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba, wo die Revolution in einem ersten Anlauf am 26. Juli 1953 begonnen hat, werden alle Jahre wieder sorgsam restauriert. Ganz zu schweigen von dem Panzerzug Batistas, den Che Guevara am Ende des Befreiungskriegs in der Provinzhauptstadt Santa Clara erobert hat. Ein imposantes Museumsstück. Entsprechend monströs das Grabmal, das man dem “Comandante Che Guevara” dort errichtet hat. Keine Archivalie, kein Überbleibsel aus dem Befreiungskrieg in der Sierra Maestra ist zu gering, zu schäbig oder zu banal, um als historisches Schaustück der Mythologisierung der Revolution zu dienen. Der geschichtliche Rekurs, der in kaum einer der Reden des Líder Máximo (Fidel Castro) fehlt, ist dazu da, die Mythen der kubanischen Revolution wach zu halten.

Die Kubanische Revolution gehört zu den wirkungsmächtigsten Entwicklungen Lateinamerikas. Mit der Kubanischen Revolution ging tatsächlich die tiefgreifendste politische und soziale Transformation in der jüngeren lateinamerikanischen Geschichte einher. Sie fungierte während einer ganzen Epoche als Leitrevolution: Ähnlich wie die Französische oder die Russische Revolution stellte sie den Bezugs- und Referenzpunkt sowohl für Anhänger als auch Gegner dar. Sie gab den Emanzipationshoffnungen und Bestrebungen von Millionen eine konkrete Gestalt.
Die Kubanische Revolution kann – wie jede Revolution – insgesamt als „soziale Bewegung“ betrachtet werden. Eine „soziale Bewegung“ im weitesten Sinne, die als gesamtgesellschaftlicher Prozess eine soziale Transformation zu bewirken vermochte. Im engeren Sinne ist die Kubanische Revolution auch ein Produkt sozialer Bewegungen. Dass eine relativ kleine Gruppe bewaffneter Männer und Frauen die Macht übernehmen und die Gesellschaftsstruktur derart tiefgreifend verändern konnte, wäre ohne die Dynamik und den Druck sozialer Mobilisierung nicht denkbar gewesen.
Darüber hinaus übte die Kubanische Revolution einen großen und folgenschweren Einfluss auf andere soziale Bewegungen in Lateinamerika aus: Die propagandistische Selbstdarstellung der Revolution als Bauern- und Guerillaumwälzung bestimmte die Vorstellungen einer ganzen Generation über das „Wie“ gesellschaftlicher Veränderungen. Eine lange Welle von Guerillabewegungen war die direkte Folge der Kubanischen Revolution.
Auch auf ihre Gegner übte die Kubanische Revolution eine große Wirkung aus. Wie jede Revolution führte sie zu einer Revolutionierung der Konterrevolution: Die Counterinsurgency-Strategie (Revolutionsverhinderungs-Strategie),Civic-Action-Programme, die von Kennedy ausgerufene Allianz für den Fortschritt, die Förderung reformorientierter sozialer Bewegungen – all diese Maßnahmen stehen in einem engen Zusammenhang mit der Kubanischen Revolution.
Hier soll eine möglichst nah an der historischen Realität gehaltene Version der kubanischen Revolution wiedergegeben werden.
Kuba – von der Kolonie zur Halbkolonie
Kuba, die größte Insel der Karibik, verfügte über eine Sonderstellung im spanischen Kolonialreich. Einerseits gehörte es zu den wenigen Gebieten unter der Herrschaft der spanischen Krone, in welchem die ursprüngliche indianische Bevölkerung der Kolonisierung vollständig zum Opfer gefallen war. So etablierte sich in Kuba, im Gegensatz zum restlichen Spanisch-Amerika, eine Sklavenökonomie. Ab dem späten 18. Jahrhundert kam es zu einer sprunghaften Ausweitung der mit Sklaven bewirtschafteten Plantagenökonomie (Zucker, Tabak).
Kuba erlangte als letztes Land des ehemaligen spanischen Kolonialreiches die Unabhängigkeit. Die Angst der Criollo-Elite vor einer Sklavenrevolution wie in Haiti (1804) ließ die Unabhängigkeitsbestrebungen erst in den Unabhängigkeitskriegen von 1868 bis 1876 und 1895 bis 1898 zu Tage treten. An der Spitze der Unabhängigkeitsbewegung stand José Martí (1853–1895).


Am Ende des zweiten Unabhängigkeitskrieges intervenierten die USA militärisch und ersetzten die spanische Kolonialherrschaft durch eine US-amerikanische Besatzung. Mit dem Platt Amendment von 1898 ließen sich die USA das Interventionsrecht auf Kuba verfassungsmäßig verbriefen. Die 1902 formal erlangte Unabhängigkeit kann nur als abhängige Unabhängigkeit bezeichnet werden. Die USA intervenierten bis in die 1920er Jahre mehrfach, die Regierungen Kubas verfügten über keinen souveränen Handlungsspielraum. Der politische Status einer Halbkolonie spiegelte die im späten 19. Jahrhundert entstandene Dominanz der USA in Zuckeranbau und Verarbeitung sowie in allen weiteren Industrie- und Transportbereichen wider. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich ein wichtiges Element der Kubanischen Revolution: der gegen die USA gerichtete Nationalismus.
Die strukturelle Deformation der kubanischen Ökonomie durch die nahezu ausschließliche Abhängigkeit von der Zuckerproduktion zeitigte auch politische Folgen. Als es ab Beginn der 1920er Jahre zu einem Preisverfall des Zuckers auf dem Weltmarkt kam, konnte die herrschende Oligarchie der politischen Instabilität nur durch die Errichtung einer Diktatur Herr werden. Die Diktatur des Generals Gerardo Machado (1925–1933) steht im direkten Zusammenhang mit intensiven sozialen Bewegungen in verschiedenen Bereichen der kubanischen Ökonomie.
Elendshöhle oder Prosperität?
Der Ausbruch der Kubanischen Revolution war für viele damalige Beobachter durchaus überraschend gekommen. Im Gegensatz zu den propagandistischen Behauptungen nach der Übernahme zeigte Kuba zur Zeit der Kubanischen Revolution ökonomisch und sozial-strukturell nicht das Bild einer unterentwickelten oder verelendeten Gesellschaft. Im Gegenteil, Kuba gehörte 1959 zu den entwickeltsten Ländern Lateinamerikas (4. Platz beim Pro-Kopf-Einkommen, relativ hohe Alphabetenrate 76 %, über 50% Verstädterung).
Es herrschte jedoch eine ungleiche Verteilung von Einkommen und Besitz und eine infrastrukturelle Unterversorgung großer Teile der Bevölkerung, vor allem der Landbevölkerung.
Darüber hinaus wog die strukturelle Deformation vor allem in Krisenzeiten schwer. Die kubanische Ökonomie war eine Ein-Frucht-Wirtschaft: Die Dominanz des Zuckers bedingte eine starke Weltmarkt-Abhängigkeit (85% der Exporteinnahmen in den 1950ern). Darüber hinaus produzierte der Zucker eine jährlich wiederkehrende zyklische Arbeitslosigkeit – die 600.000 meist landlosen Zuckerarbeiter, die ein Drittel der Beschäftigten in Kuba ausmachten, waren während acht Monate im Jahr arbeitslos. Kuba verfügte somit über einen grossen Teil an Landarbeitern, die in den sozialen Bewegungen eine tragende Rolle spielten.
Zur strukturellen Deformation gehörte ferner die Dominanz von US-Kapital in der Zuckerindustrie, im Transport, in der Telekommunikation und im Bergbau. Während der Anteil von US-Kapital in der Zuckerindustrie ab den 1950er Jahren im Abnehmen begriffen war, erreichte er in den anderen genannten Bereichen im Jahre 1959 bis zu 90%. Laut dem Anuario Azucarero de Cuba (Jahresbericht der Zuckerfabrikanten Kuba) 1958 gab es Ende der 1950er Jahre 161 Zuckermühlen in Kuba, von denen 62 Prozent im Besitz von Kubanern und 37 Prozent im Besitz von US-Unternehmen waren.
Laut Juan Clark, einem 2013 verstorbenen kubanischen Akademiker im Exil in Miami und Autor des Buches Mito y realidad, machten die US-Investitionen (861 Millionen Dollar) 1958 weniger als 14 % der Kapitalinvestitionen auf der Insel aus. Eine ähnliche Entwicklung war im vitalen Bankensektor zu beobachten: 1939 hielten die kubanischen Banken nur 23,3 % der privaten Einlagen, während sie 1958 bereits 61,1 % erreicht hatten, was auf eine hohe Kapitalisierung hinweist, die für die wirtschaftliche Entwicklung unerlässlich ist. Dennoch ist es wahr, dass das US-Kapital auf der Insel sehr präsent und diversifiziert war, mehr als in jedem anderen lateinamerikanischen Land. In einem Artikel von Eric N. Baklanoff heißt es: „Der Anteil der US-Direktinvestitionen an der Struktur der kubanischen Wirtschaft war 1959 beträchtlich, wie die folgenden ungefähren Anteile zeigen: Strom- und Telefondienst (90 %), Rohzuckerproduktion (37 %), Geschäftsbanken (30 %), öffentlicher Eisenbahndienst (50 %), Ölraffinerie (66 %), Versicherungen (20 %) und Nickelbergbau (100 %)“.
Darüber hinaus fungierte Kuba als Urlaubsparadies für US-Amerikaner – inklusive einer ausgedehnten Glücksspiel- und Sextourismusindustrie, die vornehmlich von nicht-legalen US-amerikanischen und kubanischen Großunternehmen betrieben wurde (Mafia).





Die revolutionäre Krise von 1933
Das von der Zuckerproduktion abhängige Kuba sah sich ab den 1920er Jahren mit sinkenden Weltmarktpreisen konfrontiert. Der Druck sozialer Bewegungen und die allgemeine politische Instabilität führten zur Errichtung einer blutigen Diktatur unter General Gerardo Machado (1925–1933).
Die ab 1929 eintretende Weltwirtschaftskrise zeitigte auf Kuba verheerende Wirkungen. Vor diesem Hintergrund kam es zu einem neuerlichen Aufflammen sozialer Bewegungen. Mehrere Streikwellen ab Ende der 1920er Jahre kulminierten im Frühjahr 1933: Zu den Streiks in der Zuckerindustrie kamen Streikbewegungen im Transportwesen, im Kaffee- und Tabaksektor hinzu. Die Zuckerarbeiter – ein Landproletariat, das ein Drittel der kubanischen Beschäftigten ausmachte – begannen, die auf dem Land angesiedelten Zuckermühlen zu besetzen. Sie gingen dabei auch zu Selbsthilfe- und Selbstverwaltungsmaßnahmen über. Es kam zu regelrechten Rätebildungen; die Streikwelle hatte sich zu einer revolutionären Situation ausgeweitet.
Die städtischen Gewerkschaften befanden sich zu diesem Zeitpunkt unter kommunistischer Hegemonie. Die kommunistische Partei war 1925 gegründet worden, jedoch bald in den Sog der Stalinisierung der Kommunistischen Internationale geraten. Zu den politischen Folgen der Stalinisierung gehörte die Doktrin der Zusammenarbeit mit der so genannten fortschrittlichen nationalen Bourgeoisie. Eine soziale Revolution galt dabei nicht mehr als unmittelbares Ziel des Handelns. Dementsprechend kollaborierten die kommunistischen Führer der Gewerkschaft mit dem Diktator Machado und versuchten die Streiks zu beenden.
Die Dynamik der Bewegung von 1933 wies jedoch in eine andere Richtung. Neben den Streiks mobilisierten sich die Studenten. Außerdem griff eine Meuterei in der Armee um sich. Unter diesem Druck musste Diktator Machado zurücktreten. Ramón Grau San Martin wurde am 10. September 1933 Präsident der Republik Kuba. Die Regierung unter Grau setzte die kubanische Verfassung von 1901 außer Kraft und damit auch das Platt Amendment, worauf die USA ihr die Anerkennung verweigerten. Gegen die von den USA mit Unterstützung von drei Zerstörern eingesetzte neue Regierung unter Carlos Manuel de Céspedes y Quesada gab es einen erneuten Aufstand, den Aufstand der Sergeanten, dem sich die Soldaten des zentralen Militärlagers „Columbia“ unter der Führung ihrer Unteroffiziere anschlossen. Einer der Sergeanten war Fulgencio Batista. Nachdem die Streikbewegungen an Dynamik verloren hatten, putschte sich der Offizier Fulgencio Batista (1901–1973) an die Macht und ließ die Reste der sozialen Bewegungen niederschlagen. Die erste Diktatur Fulgencio Batistas währte von 1933 bis 1940.

Die Folgen der revolutionären Krise von 1933
Die revolutionäre Krise von 1933 hatte tiefgreifende Spuren hinterlassen. Viele dieser Spuren wiesen Parallelen zu den ebenfalls aus den Folgen der Weltwirtschaftskrise entstandenen populistischen Regimen in ganz Lateinamerika auf. So gehörte ein anti-imperialistisch ausgerichteter Nationalismus von nun an zum diskursiven Repertoire jeder Regierung in Kuba.
Die kommunistische Partei, die sich in Sozialtistische Volkspartei (Partido Socialista Popular [=PSP]) umbenannt hatte, akzentuierte ihre Orientierung auf die so genannte fortschrittliche nationale Bourgeoisie mit neuer Vehemenz. Sie setzte eine breite Kooperation mit den politisch Herrschenden um (Volksfrontpolitik). Dafür erlangte sie Legalität und Organisationsfreiheit. Die Stalinisierung der Kommunisten, ihre reform- und machtorientierte Zusammenarbeit mit dem Bürgertum und ihre Absage an jede revolutionäre Veränderung diskreditierten diese politische Gruppierung zusehends. In der Kubanischen Revolution selbst spielte sie daher keine Rolle.
Die Regierungen nach 1933 gaben – ähnlich wie die populistischen Regime in ganz Lateinamerika – dem Druck der sozialen Bewegungen nach. Vor allem das städtische Proletariat erhielt Zugeständnisse: Lohnerhöhungen, Arbeitszeitverkürzung, Urlaub etc. Zu einer tiefgreifenden Umorientierung der Ökonomie hin zu einem binnenorientierten Modell, das auf eine importsubstituierende Industrialisierung gesetzt hätte, kam es jedoch nicht.
Ende der 1930er-Jahre unterstützte Batista den wachsenden Einfluss der Kommunisten als Gegengewicht zur bis dahin dominierenden linksliberalen Partido Revolucionario Cubano (PRC/Auténticos) von Ramón Grau und dem Radikalismus der damaligen Studentenbewegungen, zu denen später auch Fidel Castro gehörte.
Im Jahre 1940 wurde Batista dann offiziell zum Präsidenten gewählt. Kuba nahm während dieser Zeit diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion auf und trat der Anti-Hitler-Koalition bei. In seiner Regierung gab es zahlreiche kommunistische Minister. In der verfassungsgebenden Versammlung, die im November 1939 einberufen wurde, stellten das Bündnis aus Batista-Anhängern und den kommunistischen Verbündeten sowie die PRC die Mehrheit und verabschiedeten gemeinsam die demokratische Verfassung von 1940, welche damals als die fortschrittlichste Lateinamerikas galt. Sie führte neben allen bürgerlichen Freiheiten auch eine Reihe sozialer Sicherheiten wie den Acht-Stunden-Arbeitstag ein.
Für die Wahlen 1944, bei denen Batista nicht mehr persönlich antreten konnte, wurde sein amtierender Ministerpräsident ins Rennen geschickt. Es gewann jedoch der bürgerliche Kandidat Grau. Batista zog sich vorerst aus der Politik zurück.
Die sozialen Zugeständnisse und das veränderte Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit führten während der 1930er und 1940er Jahre zu abnehmenden Investitionen. Die Investoren beklagten das seit 1933 bestehende labour problem in Kuba. 1948 kehrte Batista in die kubanische Politik zurück. In diesem Zusammenhang ist der zweite Putsch Fulgencio Batistas im Jahre 1952 zu sehen. Die zweite Diktatur Batistas versuchte den revolutionären Schutt von 1933 zu beseitigen und die Investitionsbedingungen wieder zu verbessern.
Bei der Machtübernahme Batistas 1952 hatte sich die anti-imperialistische Rhetorik aller Parteien bereits als hohl erwiesen. Die meisten Parteien hatten sich an Regierungen beteiligt, keine war den in sie gesetzten Hoffnungen gerecht geworden. Das systemimmanente politische Spektrum war diskreditiert. Das Ende der Diktatur Batista zu Beginn des Jahres1959 sollte daher auch keiner der etablierten politischen Akteure einleiten, sondern ein völlig neuer politischer Akteur: eine Guerilla-Armee, angeführt von Fidel Castro Ruz (1926-2016). Fidel Castro war ein nichteheliches Kind des Zuckerrohrplantagenbesitzers Ángel Castro Argiz und dessen Hausköchin Lina Ruz González. Sein Vater war spanischer Immigrant aus dem galizischen Dorf San Pedro de Láncara, der als Soldat der spanischen Kolonialarmee nach Kuba kam. Castros Mutter war die Tochter eines Bauern aus der kubanischen Provinz Pinar del Río, der bei Castros Vater angestellt war. Er wurde von seiner Mutter katholisch erzogen und erhielt seine Schulbildung in von Jesuiten geführten Schulen in Santiago de Cuba und in Havanna. Im Jahr 1950 erlangte Fidel Castro einen juristischen Doktorgrad in Zivilrecht und ein Lizenziat in Diplomatenrecht.

Die Diktatur Batistas und die Bewegung M-26-7 von Fidel Castro
Die ab 1952 einsetzende neuerliche Militärdiktatur Fulgencio Batistas wird als zunächst milde bzw. schwache Diktatur beschrieben. Streikbewegungen, wie einen einwöchigen Streik von 500.000 Arbeitern in der Zuckerindustrie im Jahre 1955, konnte sie nicht verhindern. Batista begründete seinen Staatsstreich mit dem Kampf gegen Korruption. Demonstrationen und Streiks wurden verboten, jedoch herrschte weiterhin eine weitgehende Pressefreiheit. Die US-Regierung war von diesem Schritt wohl überrascht. Nachdem Batista jedoch versprochen hatte, seine ehemaligen Verbündeten – die Kommunisten – unter rigoroser Kontrolle zu halten, erkannten auch die USA nach vielen lateinamerikanischen und europäischen Staaten Kubas neue Regierung an. Dann wurde jedoch die Verfassung von 1940 kurzfristig außer Kraft gesetzt und der Kongress beurlaubt.
Zu Beginn der Diktatur beschränkte sich der Widerstand auf studentische Gruppierungen und das Umfeld der ortodoxos. Die ortodoxos, eine relativ kleine nationalistisch-populistische Gruppierung, fand ihre Basis vor allem unter Mitgliedern der städtischen Mittelschicht. Von Parteien wie den ortodoxos bestanden fließende Übergänge zu einer seit den 1920er Jahren bestehenden Szene von studentisch geprägten Polit-Gangs: verbal revolutionär auftretend und in der Ideologie konfus, verloren sich viele von ihnen in kriminellen Aktivitäten. Fidel Castro selbst kam aus dem Milieu der ortodoxos. Er bildete jedoch mit Beginn der Diktatur Batistas seine eigene Gruppe, die er auf eine spektakuläre Einzelaktion einschwor.
Die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba, die größte des Landes, sollte angegriffen werden. Das Konzept dahinter: Mit einer maximalistischen, verwegenen Einzeltat (165 Angreifer gegen 1.000 Soldaten) sollte der Funke für einen Aufstand überspringen. Dabei wird bereits ein Grundelement des ideologischen Gepräges von Fidel Castro und seiner Vorstellung von der Art und Weise des politischen Kampfes deutlich: Die Revolution ist bei ihm kein zu initiierender gesamtgesellschaftlicher Prozess, sondern ein konspirativ-elitärer Aufstand. Das ‚Volk‘ ist in diesem Plan die unbekannte magische Größe. Castro definiert es in den moralischen Kategorien des lateinamerikanischen Populismus: Das ‚Volk‘ sind die Arbeitssamen, Ehrlichen, Armen, das Volk ist tapfer und gerecht. Man muß dem Volke seinen Willen klarmachen durch eine beispielgebende Aktion, aus eigener Kraft kann es dies nicht. Die selbsternannte Elite, seine ‚besten Söhne‘ müssen es aufrütteln.
Am 26. Juli 1953 vollzog die Gruppe um Fidel Castro den Angriff auf die Moncada-Kaserne. Die Aktion scheiterte dilettantisch, nur wenige Kämpfer überlebten, unter ihnen Fidel Castro. Castro gelang es, aus dem darauf folgenden Gerichtsverfahren einen der legendären politischen Prozesse des 20. Jahrhunderts zu machen. „Die Geschichte wird mich freisprechen“, so der oft zitierte Schlusssatz seiner eigenen Verteidigungsrede (von Beruf Anwalt). Nachdem Castro 1955 eine Amnestie gewährt worden war, ging er ins mexikanische Exil.

Die Bewegung M-26-7
Die von Fidel Castro mitbegründete Bewegung des 26. Juli (Movimiento 26 de Julio [=M-26-7]), benannt nach dem Angriffstag auf die Moncada-Kaserne, war eine äußerst heterogene Gruppierung. Dominiert wurde sie von Studenten, Freiberuflern und Mitgliedern der städtischen Mittelschichten. Sie umfasste zudem Teile der bürgerlichen Opposition gegen Batista. Diese bürgerliche Opposition sammelte sich im Directorio Revolucionario (=DR). Zwischen dem DR und der Guerilla der M-26-7 kam es im Verlauf der Jahre 1957 und 1958 zu einer zunehmenden Distanzierung.
Im Gegensatz zu den propagandistischen Behauptungen nach der Machtübernahme fanden sich in der M-26-7 kaum Bauern oder Arbeiter. Die M-26-7 zeichnete sich – wie jede Guerilla – durch eine starke Führerkonzentration und das Fehlen einer geregelten internen Demokratie aus. Die M-26-7 als konspirative Organisation des bewaffneten Widerstandes und die Massenorganisationen von Land- und Stadtproletariat (Gewerkschaften, Genossenschaften, Parteien) blieben weitgehend unverbunden. Die Orientierung der M-26-7 auf das ‚Volk‘ trug die Züge eines von außen kommenden Appells: Die Guerilleros erschienen dabei als handelnde Akteure, das zu befreiende Volk hingegen als bloßer Adressat. Eine systematische Organisation und Mobilisierung breiterer Schichten fand nicht statt.
Programmatisch forderte die M-26-7 nationale Unabhängigkeit, Reformen in Wirtschaft und Sozialwesen sowie eine Landreform. Eine Systemüberwindung bzw. eine sozialistische Revolution wurde damals dezidiert ausgeschlossen. Sie orientierte sich damit durchaus an den Vorstellungen der Comisión Económica para América Latina (=CEPAL).
Programmatisch-ideologisch war die M-26-7 eine nationalistische Bewegung, die in moralischen Begriffen argumentierte und sich dem Ziel einer ökonomischen Modernisierung innerhalb des Kapitalismus verpflichtete. In den Erklärungen und Verlautbarungen finden sich keine marxistischen, klassentheoretischen Kategorien. Zentrale Begriffe der Bewegung sind hingegen: Vaterland, Liebe, Tugend, Ehrenhaftigkeit, Würde und die „Erniedrigten und Beleidigten“.



Begegnung mit Ernesto „Che“ Guevara
In Mexiko traf der Argentinier Ernesto „Che“ Guevara de la Serna (1928–1967), von Beruf Arzt, auf die Gruppe um Fidel Castro. Che Guevaras Vorfahren waren argentinische Großbürger. Bereits während seines Medizinstudiums unternahm Guevara zahlreiche Reisen, die er umfangreich kommentierte und dokumentierte. Er empörte sich über die vielfach angetroffene wirtschaftliche Ungleichheit und soziale Ungerechtigkeit in Latein- und Mittelamerika. In Mexiko traf er 1955 auf Fidel Castro und schloss sich dessen Bewegung des 26. Juli an. Neben ihm gehörten auch Raúl Castro – der Bruder von Fidel – und Camilo Cienfuegos zu den führenden Revolutionären.



Sie unterzogen sich einem militärischen Training und trafen Vorbereitungen zu einem neuerlichen Anlauf gegen die Diktatur Batistas.
Mit der Yacht Granma versuchten die 82 Kämpfer im Dezember 1956 auf Kuba überzusetzen. Der (konspirativ) geplante Aufstand und der (von außen inszenierte) Generalstreik scheiterten genauso, wie das Übersetzen der Yacht. Von 82 Mann blieben nur zwölf am Leben. Es kam zu einem Rückzug in die Berge Ostkubas (Sierra Maestra). Die Guerilla entstand damit als Verlegenheitsstrategie aus den Umständen eines gescheiterten Aufstandsversuchs heraus.


Das Jahr 1958
Die von Fidel Castro angeführte Bewegung des 26. Juli verfügte über zwei Schwerpunkte: einerseits den Guerillakampf in der abgelegenen Sierra Maestra, andererseits den städtischen Kampf. Die städtischen Zellen der M-26-7 führten Propagandaaktionen und Attentate durch, begingen Sabotageakte und legten Bomben. Dieser urbane Kampf war im Allgemeinen viel blutiger und opferreicher als der Guerilla-Kampf Fidel Castros in den Bergen der Sierra Maestra. Ein Großteil der sich stetig erhöhenden Repression des Batista-Regimes richtete sich gegen diese städtischen AktivistInnen.
Die Guerilla in den Bergen verfügte bis Mitte 1958 nur über wenige Kämpfer, in etwa 200 bis 300 Mann. Dass es sich bei dieser Guerilla um eine Bauernguerilla gehandelt haben soll, kann als Mythos bewertet werden. Wie schwierig ein präzises Bild des Anteils von Bauern an der Guerilla ist, zeigen die unterschiedlichen Schätzungen in der Literatur. Die Angaben variieren zwischen 10% und 70%. Die höheren Zahlen verlassen sich dabei auf Selbstdarstellungen der Revolution und konzentrieren sich auf die Endphase des Kampfes, als die Anzahl der Kämpfer sprunghaft anstieg. Der Anteil bäuerlicher Kämpfer darf jedoch nicht mit der Unterstützung der in den Aktionsgebieten der Guerilla lebenden Bauern verwechselt werden. Diese Unterstützung war durchaus hoch, zumal es in der Sierra Maestra mit ihren verstreut lebenden Bauern eine Tradition des sozialen Banditentums gegen Großgrundbesitzer gab.
Fidel Castro und seine Guerilla wurden bis Anfang 1958 von der kubanischen Armee kaum behelligt. Das Regime nahm die Bedrohung zuerst nicht ernst, die militärischen Konfrontationen gingen selten über Scharmützel hinaus. Das gab der Guerilla Zeit, sich nach den prekären Anfängen im Jahre 1957 zu reorganisieren.
Im April 1958 versuchte die M-26-7 einen Generalstreik auszurufen. Bei diesem Generalstreiksversuch kam der dirigistische Charakter der M-26-7 plastisch zum Ausdruck. Der Generalstreik wurde konspirativ organisiert und der Arbeiterschaft von außen anbefohlen. Das klägliche Scheitern dieses Generalstreiksversuchs machte den geringen Bezug der M-26-7 zu den organisierten sozialen Bewegungen, vor allem dem Proletariat deutlich. Der Misserfolg stärkte Fidel Castro und die als sierras (Bergler) bezeichnete Fraktion der Guerilla-Kämpfer innerhalb der M-26-7. Denn das Scheitern des Streiks schien der Vorstellung Recht zu geben, dass ein städtischer, auf Massenaktionen basierender Kampf ein ungangbarer Weg gegenüber den bewaffneten Aktionen in den Bergen sei. In den (teils heftigen) Auseinandersetzungen innerhalb der M-26-7 betonte Fidel Castro zunehmend den Vorrang des Guerilla-Kampfes vor den Aktionsformen der städtischen Teile der Bewegung.
Durch die Repressionsexzesse und eine gescheiterte Offensive gegen die Guerilla Anfang 1958 verlor Batista die Unterstützung beinahe aller Teile der Bevölkerung. Auch die USA entzogen ihm die Unterstützung und unterbanden ab März 1958 alle Waffenlieferungen. Die Armee zeigte zunehmend Verfallserscheinungen.
Trotz der geringen Verbindung zu großen Teilen der Bevölkerung – symbolisch und propagandistisch gelang es Fidel Castro im Verlaufe des Jahres 1958, sich und seine Bewegung an die Spitze des Widerstandes gegen Batista zu setzen. Der klare Führungsanspruch der Guerilleros, das kompromisslose Auftreten gegen Batista und die militärischen Erfolge gegen seine Armee verschafften den bärtigen Kämpfern aus den Bergen große Unterstützung und ein hohes Prestige.
Ab dem Sommer 1958 verließen einige Guerilla-Einheiten die Berge Ostkubas und rückten unter der Führung Ernesto „Che“ Guevaras und Camilo Cienfuegos Richtung Zentral-Kuba vor.




Der Sturz Batistas und der Sieg der Revolution
Im Verlaufe des Jahres 1958 zeigte das Batista-Regime zunehmend Zeichen des Verfalls: Militärische Niederlagen gegen die Guerilla, Repressionsexzesse, der Verlust der Unterstützung aller Bevölkerungsgruppen (auch der kubanischen Bourgeoisie) sowie der USA. Die Guerilla um Fidel Castro vermochte sich – trotz kaum vorhandener organisatorischer Verbindung zur Masse der Bevölkerung – an die Spitze des Widerstandes zu stellen. Militärische Siege, der Bruch mit allen kompromissbereiten, politisch etablierten (und diskreditierten) Oppositionsgruppen und die epische Dimension des Guerilla-Kampfes trugen zu dieser Hegemonialstellung bei.
Kurz vor Weihnachten 1958 startete die Guerilla eine Offensive. Um die Stadt Santa Clara kam es zu den schwersten Kämpfen im Zuge der Revolution. Nach der Einnahme der Stadt überschlugen sich die Ereignisse: Am 1. Januar 1959 ergreift Diktator Fulgencio Batista die Flucht. Es kommt zum Zusammenbruch der Armee. Am 8. Januar 1959 zieht Fidel Castro triumphal in Havanna ein.
Entscheidend für den endgültigen Zusammenbruch der Batista-Diktatur und den Sieg der Revolution war jedoch ein spontaner einwöchiger Generalstreik zwischen dem 1. und dem 8. Januar. Die Gesamtstärke der Guerilla überstieg in der Endphase nicht die Zahl von 3.000 Kämpfern. Wie Castro mit einer derart kleinen Truppe die Diktatur besiegen konnte, brachte der französische Journalist Claude Julien folgendermaßen auf den Punkt: „Castro hat den Gegner nicht vernichtet. Dieser war, bis ins Knochenmark verfault, zusammengebrochen.“
Im Januar 1959 kam es zur Bildung einer Koalitionsregierung aller Oppositionskräfte. Fidel Castro rief eine „humanistische Revolution“ aus, die anfänglich auch in den USA mit großem Wohlwollen betrachtet wurde. Im Verlaufe von nur zwei Jahren war das Bündnis der Oppositionskräfte auseinandergebrochen, die Konfrontationsstellung zu den USA offensichtlich. Zudem war eine gesellschaftliche Transformation vonstatten gegangen, die erstmals in der Geschichte Lateinamerikas mit dem Kapitalismus als Gesellschaftssystem brach.
Die Guerilla wurde zum Gründungsmythos des neuen Kuba. Guerilla-Anzüge, Bärte und Stiefel avancierten zum official dress. Der Topos des Kampfes und des Opfers für das neue Kuba, der Zusammenschluss gegen den äußeren Feind und die Konzentration auf charismatische Führerfiguren (Fidel Castro, Che Guevara) wurden identitätsstiftende Grundlagen der politischen Kultur Kubas.
Die Selbstdarstellung und Wahrnehmung der bärtigen Helden als alleinige Befreier und Bezwinger der Diktatur war jedoch äußerst selektiv. Sie ließ die Bedeutung anderer politischer Aktionsformen ins Hintertreffen geraten. Das galt sowohl für die städtischen Aktivitäten des Movimiento 26 de Julio (=M-26-7) (Demonstrationen, Sabotage, Attentate) als auch für die Rolle des Generalstreiks zu Beginn des Jahres 1959. Das Hauptoperationsgebiet befand sich im Osten (Sierra Maestra), in Zentral-Kuba (Escambray) entwickelte sich ein wesentlich kleineres zweites Operationsgebiet.





Kuba 1959–1961: Polarisierung und Gesellschaftstransformation
Zwischen 1959 und 1961 vollzog sich in Kuba und zwischen Kuba und den USA eine schrittweise Polarisierung, die schlussendlich zur tiefgreifendsten sozialen, politischen und ökonomischen Transformation in der Geschichte Lateinamerikas führte. Fidel Castro, im Jahre 1959 noch ein radikaler Reformer mit bürgerlichem Hintergrund, wandelte sich bis 1961 zum Marxisten-Leninisten. In dieser Entwicklung spielten sowohl innenpolitische als auch außenpolitische Faktoren eine Rolle:
Innenpolitik
a) Fidel Castro und die Guerilleros
Fidel Castro war kein Teil des etablierten populistischen Spektrums. Er verfügte insoweit über eine gefestigte Ideologie, als dass er sein Programm umzusetzen fest entschlossen war. Fidel Castro gebot jedoch nicht über eine organisierte soziale Basis. Dem Druck sozialer Bewegungen war er offen ausgesetzt. Die neue aus der Guerilla entstandene revolutionäre Elite konnte jedoch das Rückgrat jedes Staates – den Sicherheitsapparat – unter ihre Kontrolle bringen. Damit hielten sie einen zentralen Trumpf der Macht in ihren Händen.
b) Soziale Bewegungen
Das treibende Moment der kubanischen Entwicklung waren sicherlich die sozialen Bewegungen. Seit Beginn des Jahres 1959 hatten sich wichtige Teile der kubanischen Bevölkerung mobilisiert, vor allem das städtische Proletariat und das Landproletariat der Zuckerindustrie. Beide Gruppen griffen ihre radikalen Traditionen aus der Revolution von 1933 wieder auf. Die Hoffnungen auf eine umfassende Verbesserung der ökonomischen Lage konzentrierten sich auf das neue Regime. Die zwei Jahre zwischen 1959 und 1961 waren von allgemeiner sozialer Unrast geprägt: Streiks, Fabrik- und Landbesetzungen, Massenbewaffnung und Massendemonstrationen. Im Allgemeinen unterstanden die sozialen Bewegungen jedoch nicht der Kontrolle der Guerilleros. Auch die Führer der Gewerkschaften hatten ihren Einfluss auf die Arbeiterbewegung eingebüßt. Ihre Zusammenarbeit mit dem gestürzten Regime hatte sie völlig diskreditiert.
c) Kubanisches Bürgertum
Binnen kürzester Zeit vollzog die Regierung Castro eine Reihe von Sozialreformen. Dazu gehörten Mietzinssenkungen und Lohnerhöhungen. Den von zyklischer Arbeitslosigkeit (acht Monate im Jahr) betroffenen Zuckerrohrarbeitern wurde eine ganzjährige Beschäftigung in Aussicht gestellt – eine kolossale Verbesserung für ein Drittel der Beschäftigten.
Im Mai1959 erfolgte die erste Landreform. Landbesitz wurde auf ein Maximum von 400 Hektar beschränkt, Entschädigungen wurden bezahlt, Landbesitz von Ausländern jedoch verboten. 100.000 Kleinbauern erhielten je 27 Hektar Land. Die großen Zuckerrohr- und Viehzuchtländereien wurden jedoch nicht verteilt, sondern in Kooperativen überführt. Zentrales Instrument der Politik wurde das Instituto Nacional de Reforma Agraria (=INRA), das sich zu einem Hebel der allgemeinen Verstaatlichungspolitik entwickelte. Ab Mitte des Jahres 1959 nahmen die Verstaatlichungen (oft unter dem Druck der Arbeiter) stetig zu.
Das Tempo der Sozialreformen führte zu einer Polarisierung innerhalb der Koalitionsregierung. Bis Ende 1959 waren schließlich alle bürgerlich-liberalen Minister aus ihr verdrängt.
Außenpolitik
Nach anfänglich wohlwollender Unterstützung für die neue Regierung gingen die USA spätestens mit der Agrarreform vom Mai 1959 zu einer anderen Politik über. Die Eskalation begann in kleinen Schritten. Zunächst setzte Castro ein wichtiges Versprechen der Revolution an die Arbeiter in die Praxis um: die Enteignung der Zuckerindustrie und die Aufteilung der großen Plantagen in Abschnitte von 27 Hektar. Die ebenfalls seit 1953 von Castro versprochene Wiedereinsetzung der Verfassung von 1940 wurde jedoch nicht umgesetzt. In ihr war bereits die Abschaffung des Großgrundbesitzes vorgesehen gewesen, die Enteignungen sollten aber (laut Artikel 24) durch angemessene und vorherige Barzahlung kompensiert werden, was Castro ablehnte. Weil davon auch US-amerikanische Unternehmen betroffen waren und diese de facto enteignet wurden, ohne dafür entschädigt zu werden, reagierten die USA mit einer Sperrung der Öllieferungen nach Kuba. Um weiter mit Öl versorgt zu werden, nahm Kuba im Februar 1960 mit der Sowjetunion erstmals Handelsbeziehungen auf. US-amerikanische Ölgesellschaften auf Kuba weigerten sich, sowjetisches Öl zu verarbeiten. Daraufhin wurden auch die US-amerikanischen Ölunternehmen enteignet. Dies wurde im Juli 1960 von den USA mit einer Import-Blockade für kubanischen Zucker beantwortet. Im August 1960 kam es daraufhin zur Verstaatlichung des gesamten Unternehmenseigentums der USA auf Kuba. Darauf reagierten die USA mit einem Export-Embargo im Oktober 1960. Kuba gelang es daraufhin, durch die Aufnahme von Handelsbeziehungen zur Sowjetunion das Ausmaß der durch das Handelsembargo beabsichtigten Schädigung seiner Wirtschaft abzumildern.
Die von den USA organisierte und von Exil-Kubanern durchgeführte Schweinebucht-Invasion 1961 scheiterte. Das Schweinebucht-Debakel lässt die Unterstützung der großen Mehrheit der Kubaner für das Castro-Regime deutlich werden. Im Zuge des Invasions-Versuchs deklarierte Castro die Kubanische Revolution als sozialistisch. Damit war Kuba zum ersten realsozialistischen Staat der westlichen Hemisphäre geworden. Die Stationierung von sowjetischen Atom-Raketen auf Kuba beschwörte dann 1962 die Kuba-Krise herauf.
Wie es genau zum US-Embargo kam, kann hier nachgelesen werden.



Das dynamische Moment und seine Bändigung – soziale Bewegungen in der Kubanischen Revolution
Die sozialen Bewegungen verkörperten das dynamische Moment in der Eskalation der Entwicklung nach 1959. Fidel Castro genoss massive Unterstützung in der Bevölkerung. 1960 unterstützten nach einer Umfrage 86% der Bevölkerung die Regierung, 43% bezeichneten sich gar als „glühende Anhänger“. Nichtsdestoweniger verfügten die Revolutionäre über keinen Zugriff auf die spontanen Bewegungen. Die Guerilla unter Castro hatte immer an den bestehenden Organisationen der Arbeiterbewegung vorbeiagiert. Nach der Machtübernahme verlangte die organisatorische Schwäche und die Heterogenität der Rebellenbewegung nach einer Institutionalisierung, die es erlauben würde, die spontanen Bewegungen zu integrieren. Das Genie Fidel Castros lag in der Zusammenführung der sozialen Bewegungen und der neuen Revolutionselite.
Der erste Schritt der Institutionenbildung bestand in einer Annäherung und der späteren Vereinigung mit der Partido Socialista Popular (=PSP), der kommunistischen Partei. Diese Annäherung kam umso überraschender, als die Kommunisten der Guerilla Castros immer mit scharfer Kritik begegnet waren („Abenteurertum“) und einer sozialistischen Umwälzung in Kuba schon in den 1930er Jahren abgeschworen hatten. Die PSP bot der Guerillero-Elite um Castro jedoch wichtige Möglichkeiten:
Die PSP bot ideologische Raffinesse, eine stark zentralisierte Organisation und einen historischen, wenn auch derzeit schwachen Einfluss auf wichtige Blöcke der Arbeiterbewegung. Fidel wandte sich an die Kommunisten, um seinen inneren Kreis zu schulen und seiner riesigen, aber amorphen Anhängerschaft eine Struktur zu geben.
Die Vereinigung mit der PSP erfolgte von oben: Alle wichtigen Positionen wurden von VertreterInnen der Rebellenbewegung besetzt.
Der wichtigste Schritt zur Stabilisierung der neuen Ordnung war jedoch die Kontrolle über die Gewerkschaften. Das Castro-Regime brauchte eine verlässliche soziale Basis, trachtete jedoch gleichzeitig danach, deren Autonomie einzuschränken. Die Abläufe um den Kongress des kubanischen Gewerkschaftsverbandes im Jahre 1959 spiegeln diesen Prozess wider: Die Radikalisierung der Arbeiterschaft gegen die diskreditierte kommunistische Gewerkschaftsführung prägte den Kongress. Castro setzte jedoch die (Zwangs-)Einheit der Organisation (inklusive der eigentlich abgewählten Gewerkschaftsfunktionäre) mit allen Mitteln durch. Damit war die institutionelle Kontinuität gesichert und die politische Ausdifferenzierung innerhalb der Gewerkschaftsbewegung gestoppt.
Weitere Maßnahmen, um die soziale Basis des Regimes zu stärken und gleichzeitig die Massenbewegung berechen- und kontrollierbar zu machen, waren: Gründung von Milizen (Herbst 1959) sowie der Aufbau von Komitees zur Verteidigung der Revolution (Comités de Defensa de la Revolución [=CDR]) ab 1961. Diese Komitees wurden entlang der Stadtviertel aufgebaut und sollten bei einem Invasionsversuch die Bevölkerung mobilisieren. Sie entwickelten sich schnell zu einem Instrument der politischen Integration aller BewohnerInnen Kubas. Sie ermöglichten den BewohnerInnen einerseits die Umsetzung einer Reihe infrastruktureller Verbesserungen in ihrer Wohngegend, etablierten andererseits auch ein engmaschiges Kontrollsystem des Regimes über die Bevölkerung.
Das Castro-Regime folgte in den 1960er Jahren den Leitbegriffen Mobilisierung – Bürokratisierung – Institutionalisierung. Trotz dieser institutionellen Stabilisierungsversuche war die im Jahre 1959 entstandene Dynamik sozialer Mobilisierung in den 1960er Jahren noch lange nicht verebbt.
Die Gewerkschaften befanden sich weiterhin in der Zwickmühle: Sie verspürten einerseits den Druck des Regimes, als Transmissionsriemen der staatlichen Wirtschaftspolitik zu fungieren, sahen sich andererseits mit dem vielfältigen Druck von unten konfrontiert. Obwohl die Autonomie sozialer Bewegungen gebrochen war und obwohl die demokratische Partizipation der Bevölkerung besonders in ökonomischen Belangen äußerst gering blieb, konnten bis Mitte der 1970er Jahre die Ansprüche sozialer Bewegungen nicht völlig unter Kontrolle gebracht werden. Es bestand ein prekäres Gleichgewicht zwischen der Revolutionselite und der Bevölkerung. Diese Lücke in der institutionellen Kontrolle konnte nur gefüllt werden durch:
- die allgemein hohe Unterstützung für das Regime
- die persönliche Rolle Fidel Castros, der im Zentrum der populistischen und demagogischen Mechanismen der Mobilisierung stand
Erst Mitte der 1970er Jahre hatte sich das Regime so weit stabilisiert, dass es dem Bild der anderen kommunistischen Ostblockstaaten entsprach: die Herrschaft einer bürokratischen Kaste auf der Grundlage einer vergesellschafteten Ökonomie.
Komitees zur Verteidigung der Revolution (Comités de Defensa de la Revolución = CDR)
Seit ihrer Gründung im Jahr 1960 haben die CDR eine eminent ideologische Basis, die von Informanten geprägt ist. Fidel Castro selbst sagte es in der Rede, in der er ihre Gründung ankündigte:
„Wir werden gegen die imperialistischen Aggressionskampagnen ein revolutionäres System der kollektiven Überwachung einführen, bei dem jeder weiß, wer in seinem Block wohnt und welche Beziehungen er zur Tyrannei hat, was er tut, mit wem er sich trifft und an welchen Aktivitäten er beteiligt ist. Wir werden ein System der kollektiven Überwachung einrichten. Wir werden ein System der revolutionären kollektiven Überwachung einrichten!“
Die „süßere“ Seite des CDR ist diejenige, die in offiziellen Berichten immer wieder erwähnt wird: die Rede ist von einer volkstümlichen Truppe, die sich dem Sammeln von Rohstoffen, der Unterstützung bei der Impfung von Kleinkindern, der Förderung von Blutspenden und der Bewachung von Stadtvierteln gegen Kriminalität widmet. So gesehen scheint es sich um eine unpolitische Nachbarschaftsgruppe zu handeln, die bereit ist, Probleme der Gemeinschaft zu lösen.
Aber hinter dieser Fassade der Repräsentation und Solidarität verbirgt sich ein Mechanismus der Überwachung und Kontrolle.
„Ich gehörte zu den Millionen kubanischer Kinder, die in den CDRs im ganzen Land leere Gläser oder Kartons aufbewahrten, Gras mähten und Mückenschutzmittel verteilten. Ich wurde auch gegen Kinderlähmung geimpft und habe bei den Festen dieser Organisation sogar den einen oder anderen Teller Eintopf gekostet. Kurz gesagt, ich bin als Kind der CDR aufgewachsen, obwohl ich mich als Erwachsene geweigert habe, mich in ihren Reihen zu engagieren. Ich habe all das erlebt und bereue es nicht, denn heute kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass all diese schönen Momente in den Schatten gestellt werden durch den Missbrauch, die Ungerechtigkeiten, die Anschuldigungen und die Kontrolle, die diese so genannten Komitees über mich und Millionen anderer Kubaner gebracht haben.
Yoani Sanchez, 2012
Ich spreche von den vielen jungen Menschen, die in den Jahren des größten ideologischen Extremismus nicht an der Universität studieren konnten, weil sie ein schlechtes Zeugnis vom Präsidenten ihrer CDR erhielten. Es genügte, dass ein Mitglied des CDR bei einer Zeugnisüberprüfung in einer Schule oder am Arbeitsplatz sagte, dass eine Person „nicht kämpferisch genug“ sei, um nicht für eine bessere Stelle oder einen Studienplatz angenommen zu werden. Es waren genau diese Nachbarschaftsorganisationen, die die Aufgabe hatten, Regime-untreue Bürger in Ablehnungskundgebungen öffentlich zu verschmähen.
Sie haben nie als einigende oder versöhnende Kraft in der Gesellschaft gewirkt, sondern sind vielmehr ein wesentlicher Bestandteil der Verschärfung ideologischer Polarisierung, sozialer Gewalt und der Schaffung von Hass.“


Mythos Guerilla – Che Guevara und die Fokus-Theorie
Die Guerilla als Befreier von der Diktatur und die bewaffnete Bauernrebellion gehören zu den Gründungsmythen des neuen Kuba. Das Charisma des Guerillaführers und der Opfermut der Guerilla schienen in den 1960er Jahren viele Hoffnungen auf gesellschaftliche Veränderung in Lateinamerika zu bündeln.
Die politisch-ideologische Form des Mythos stellten die Schriften von Ernesto „Che“ Guevara dar. Vor allem das 1960 erschienene Buch La Guerra de Guerrillas (deutsch 1962: Der Partisanenkrieg) gab vor, die kubanischen Erfahrungen verallgemeinern zu können. Die Guerilla wurde dabei ganz Lateinamerika als Modell zur gesellschaftlichen Veränderung empfohlen.
Die zentralen Thesen des Partisanenkrieges bzw. die Fokustheorie von Che Guevara besagen Folgendes:
1. Die Kräfte des Volkes können einen Krieg gegen eine reguläre Armee gewinnen.
2. Nicht immer muß man warten bis alle Bedingungen für eine Revolution gegeben sind, der aufständische Fokus kann solche Bedingungen selbst schaffen.
3. Im unterentwickelten Amerika müssen Schauplatz des bewaffneten Kampfes grundsätzlich die ländlichen Gebiete sein.
Als foco (Fokus) definierte Che Guevara eine kleine Gruppe bewaffneter Revolutionäre. Diese müsse günstige Gegenden auswählen, sich mit der Umgebung vertraut machen und Verbindung mit dem Volk knüpfen. Das revolutionäre Potenzial der Bauernschaft sollte durch die Aktionen der professionellen Kämpfer des Fokus entfesselt werden. Che Guevaras Konzeption der Guerilla firmiert deshalb auch unter dem Namen Fokus-Theorie.
Bei den von Che Guevara 1960 dargelegten Thesen handelt es sich jedoch um die Theoretisierung einer Fehlinterpretation der Kubanischen Revolution. Die kubanischen Ereignisse werden verzerrt dargestellt. Der städtische Widerstand und die Rolle der Arbeiterbewegung geraten in den toten Winkel der Betrachtung. Die von Studenten und Mitgliedern der Mittelschicht formierte Guerilla wird zur Bauernarmee stilisiert.
Die Fokustheorie Che Guevaras ist bei genauem Hinsehen ein voluntaristisches Konzept zur gesellschaftlichen Veränderung: Der Wille als zentrale Kategorie und die Betonung der Macht einer kleinen, aber entschiedenen Gruppe stehen im Zentrum aller voluntaristischen Vorstellungen. Die profunde Analyse der gesellschaftlichen Umstände, Bewusstseinsbildungs-Arbeit unter den unterprivilegierten Klassen oder gar die Organisierung der Massen geraten in den Hintergrund. Die Tat und die Initiative einiger Weniger ersetzen das politische Handeln der Vielen. Das Subjekt der Befreiung wird zum Objekt. Die unterdrückten Klassen treten nicht mehr als Handelnde und sich zu Befreiende, sondern als Behandelte und Befreite auf. Der Diskurs der Guerilla ist durchdrungen vom paternalistischen Pathos des Retters und der Bezugnahme auf das „gute Volk“. Die Guerilla als Fokus ist ein politisch elitäres Projekt.
Als politische Organisation bedeutet die Guerilla die Reduktion der politischen Arbeit auf einen militärisch-organisatorischen Technizismus. Aufgrund des Zwangs zu Konspiration und militärischer Effizienz ist die Guerilla intern autoritär strukturiert.
Die Fokustheorie enthält auch eine sozial-strukturelle Analyse der lateinamerikanischen Gesellschaften. Aus der Stärke der ländlichen Bevölkerung und ihrer Unterdrückung heraus postuliert Che Guevara im Kampf um eine gesellschaftliche Veränderung ein Primat des Landes über die Stadt. Diese Überbewertung des Landes als entscheidender sozialer Raum ließ die hohen Urbanisierungsraten in Lateinamerika und die Tatsache außer Acht, dass sich die soziale Macht auch in Lateinamerika in den Städten konzentrierte.
Die internationale Wirkung der Fokus-Theorie
In den frühen 1960er Jahren traf die Forderung nach einer sozialistischen Revolution und die kubanische Guerilla-Methode auf ein enormes Echo in ganz Lateinamerika. Dies galt vor allem für junge Aktivisten und Aktivistinnen. Die Kubanische Revolution radikalisierte den politischen Diskurs nachhaltig. Durch ihre offenbar unbezweifelbaren Erfolge im sozialen Bereich genoss sie bei Millionen von Menschen ein hohes Prestige. Die Hinwendung zum Guerilla-Konzept Che Guevaras mag unter anderem auf die vorgebliche Leichtigkeit zurückzuführen sein, mit welcher hier eine gesellschaftliche Veränderung erreichbar zu werden schien. Sie [die kubanische Revolution] lieferte eine eindeutige Blaupause für einen erfolgreichen Aufstand, indem sie den Sturz von Regierungen auf eine einfache Angelegenheit reduzierte, bei der man Che Guevaras Handbuch zur Guerillakriegsführung getreu befolgt.
Der Erfolg von revolutionärer Perspektive und Guerilla-Methode spiegelte auch die Enttäuschung über die reformistische Haltung aller Gewerkschaften und Arbeiterparteien (vor allem der Kommunisten) und ihre Zusammenarbeit mit den nationalen Eliten wider. In den 1960er Jahren kam es zu einer ersten Welle von Guerillagründungen nach dem Fokus-Konzept. Das auf einer Reihe von Verzerrungen beruhende Konzept Che Guevaras führte jedoch bald zu fatalen Niederlagen und zum Ausbluten einer ganzen Generation von Aktivisten.
Für den Versuch, den revolutionären Weg sowie die Methode des Guerilla-Kampfes auf ganz Lateinamerika auszuweiten, stehen folgende Initiativen des kubanischen Regimes:
- 1962 Zweite Deklaration von Havanna
- 1966 Trikontinentaler Kongress in Havanna
- 1967 die Gründung der Organización Latino-Americana de la Solidaridad (=OLAS)
Diese Erklärungen, Kongresse und Organisationsgründungen sollten die revolutionären Befreiungsbewegungen in Lateinamerika unterstützen. Ausnahmslos alle Gruppierungen zollten der kubanischen Heldentat Respekt und waren von den Gedanken des Che fasziniert. Einige entstanden gar als Unterstützungsgruppen für den Che und mutierten erst nach dessen Ermordung zu lokalen Guerillas. Sie forderten die mystischen Kriterien der revolutionären Hingabe ein und präsentierten sich radikal antiimperialistisch, ergo antinordamerikanisch. So entstanden die Nationale Befreiungsbewegung Tupamaros in Uruguay; die Peronistischen Streitkräfte (FAP), die Revolutionären Streitkräfte (FAR), das Revolutionäre Heer des Volkes (ERP) und die «Montoneros» in Argentinien; die Bewegung der Revolutionären Linken (MIR) in Chile; das Nationale Befreiungsheer von Carlos Marighella in Brasilien; die Revolutionären Streitkräfte (FARC) und der M-19 in Kolumbien; die Sandinistische Befreiungsfront (FSLN) in Nicaragua und die Volksbefreiungskräfte (FPL) in El Salvador, um nur die Bekanntesten zu erwähnen.
Mit dem Scheitern der ersten Welle von Guerilla-Bewegungen und der zunehmenden ökonomischen Anbindung Kubas an die Sowjetunion (1972 Beitritt Kubas zum Council for Mutual Economic Assistance [=COMECON]) ging die kubanische Führung erst einmal von ihrem ursprünglichen Ziel, die Revolution nach ganz Lateinamerika zu tragen, schrittweise ab. Später nahm sie dieses Ziel in angepasster Form wieder auf mit den Aktivitäten innerhalb des Foro de São Paulo.
Das persönliche Scheitern Che Guevaras in Bolivien 1967 markiert auch das Scheitern der Fokustheorie im engeren Sinne. Die Guerilla als Instrument sowohl zur Selbstverteidigung als auch zur Gesellschaftsveränderung blieb jedoch eine wichtige Dimension der sozialen Bewegungen Lateinamerikas – das illustriert die zweite Welle von Guerillabewegungen in den 1980er Jahren. Bis heute stellt die Guerilla einen Faktor in Lateinamerika dar.
Die Kubanische Revolution und die Fokustheorie Che Guevaras führten auch zu einer Revolutionierung der Konterrevolution. Der Sieg einer kleinen Gruppe von bewaffneten Männern sollte in Zukunft mit allen Mitteln verhindert werden. Maßnahmen wie die Counterinsurgency-Strategieoder die Civic-Action-Programme stellen eine direkte Antwort auf diese Herausforderung dar. Die damit einhergehende materielle und geistige Aufrüstung der Armeen in Lateinamerika bereitete in vielen Ländern die Etablierung einer Militärdiktatur vor. Die Militärs rechtfertigten ihre Machtübernahme meist mit Hinweis auf die Bedrohung durch Kuba und Guerillaarmeen.



Mythos als Begründungs- und Beglaubigungsrede: Die Kubanische Revolution
Mythen haben den Bestand der kubanischen Revolution begründet und bis heute gesichert.
„Der Mythos begründet Sinnzusammenhänge von existentieller Bedeutung als absolute Wahrheiten und setzt oberste, als unverbrüchlich geltende transzendente Werte. Der Mythos leistet aber noch ein übriges: Er beglaubigt, in Anlehnung an ebendiese „heiligen“ Wahrheiten und Werte, Sachbezüge wie Institutionen und legitimiert oder sanktioniert hierarchische Strukturen ebenso wie ausgeübte Herrschaft; des weiteren orientiert er auf die Gegenwart und die Zukunft gerichtete Wünsche und Projektionen, motiviert und lenkt Handeln bei Individuum und Kollektiv.“
„Die wichtigsten Funktionen des Mythos sind seine kommunikative und seine pragmatische Funktion: Kommunikativ wirkt er, indem er die Integration des Individuums in die Gemeinschaft und innerhalb der Gemeinschaft Identität, Kommunikation, Konsensbildung und Solidarisierung fördert; pragmatisch wirkt er, in dem er durch Bereitstellung und Perpetuierung von (abstrakten) Leit- und Modellvorstellungen und/oder (konkreten) Beispielen modellhaften Handelns das Individuum zu einem für die soziale Praxis als förderlich erachteten, d.h. auch gruppenkonformen Verhalten zu bewegen vermag.“
„Damit der Mythos wirksam wird bzw. bleibt, bedarf es aber der beständigen bildhaften Erinnerung an seine sakralen Ursprünge. Dies mag geschehen durch das Setzen von Symbolen, in denen sich der Mythos zum sinnhaften Zeichen verdichtet; oder durch die mythische Rede bzw. Erzählung, in der Mythos und Symbol ihre Exegese und narrative Begründung erfahren; oder schließlich durch rituelle Praktiken, in denen die sakralen Ursprünge des Mythos durch Handlung unmittelbar vergegenwärtigt werden.“
Mythen des Ursprungs: Revolution in der Geschichte und Geschichte der Revolution
Die Funktion der Mythen für die kubanische Gesellschaft seit 1959 ergab sich aus der permanenten Notwendigkeit, die Revolution und die neue Gesellschaftsordnung auf verschiedenen Ebenen zu stabilisieren und zu verteidigen. Die politische und ökonomische Bedrohung durch die USA und die generell schwierige wirtschaftliche Lage der Bevölkerung verlangte nach „Widerstands- und Verteidigungsmythen“ sowie nach „Erfolgsmythen“. Dabei kommt immer wieder das Motiv „David gegen Goliath“, also der erfolgreiche Kampf eines „schwächeren“ Helden (Kuba, Revolutionäre) gegen einen übermächtigen Feind (USA, Batista-Regime) zum tragen. Generell dienen solche Mythen als Appell, sich über die Errungenschaften der Revolution mit dieser zu identifizieren und – auch im Sinne von „Kompensationsmythen“ – Opfer und Mängel bereitwillig hinzunehmen.
Die Erinnerung und Reaktualisierung mythenstiftender Ereignisse geschah – und geschieht – in Kuba durch Instrumente, die größtenteils Bestandteil auch der politischen Kultur westlicher Industrienationen sind: durch nationale Symbole wie Fahnen und Nationalhymne; durch Denkmäler und Bildnisse in oder an öffentlichen Gebäuden, durch Benennung von Straßen oder öffentlichen Einrichtungen nach Helden der Revolution sowie durch Gedenktage oder der Etablierung einer neuen Zeitrechnung. Die Erzählungen, welche die Basis für solche Inszenierungen bilden, beziehen sich sehr häufig auf die heroische und mythische Zeit der Anfänge bzw. des Ursprungs: Diese „starke Zeit“ bildet ein wichtiges Element der Verbindung von Mythos und Ritual. In Kuba bezieht sich die Zeit der Anfänge zum einen auf die Unabhängigkeitskriege des 19. Jahrhunderts, zum anderen auf die Ereignisse der Revolution zwischen 1953 und 1959.


Die „Giganten“ der Unabhängigkeitskriege
Die fernen Ursprünge der Kubanischen Revolution werden im 19. Jahrhundert angesiedelt: im ersten und zweiten Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien (1868-78 und 1895-98). Die Helden waren zum einen die namenlosen mambises, Sklaven oder ehemalige Sklaven, die, als Prefiguration der Guerilleros der Sierra Maestra, wie diese vornehmlich in der Provinz Oriente einen hinsichtlich Zahl wie der Bewaffnung weit überlegenen Gegner heroischen Widerstand entgegensetzten. Zum anderen waren es die Führer der Befreiungsheere, die von Fidel Castro als „Giganten“ der nationalen Geschichte bezeichnet wurden, die den Kubanern „den kostbarsten Schatz des Vaterlandes“ hinterließen, nämlich eine revolutionäre Haltung, den Antiimperialismus und das Heldentum.
Als geistiger Mentor der Kubanischen Revolution wird vor allem der „Prophet“, der Dichter und Sozialphilosoph José Martí benutzt, der 1895 im Kampf um die nationale Unabhängigkeit fiel. Zu seinen politischen und sozialen Zielen gehörte die Einrichtung einer demokratischen und sozial gerechten Republik, – (und nicht einer kommunistischen: hierbei ist das Einsetzen von José Martí als Nationalheld gerade für das kommunistische Kuba nicht übereinstimmend und die Aussagen von José Martí werden, um diese Tatsache zu vertuschen, vom Regime nur selektiv angewandt) – in der ehrbare, tugendhafte Menschen (hombre honrado) in solidarischer Übereinkunft eine neue, bessere Welt erbauen werden. Ferner betonte er die politische Notwendigkeit, dem Expansionsdrang der USA im karibischen Raum und in Mexiko entschieden entgegen zu treten.
Die mythische Zeit der Kubanischen Revolution
Die verschiedenen Etappen der Kubanischen Revolution zwischen den ersten studentischen Protesten gegen das Batista-Regime 1953 und dem militärischen Sieg der Revolutionäre und dem Sturz der Diktatur am 1. Januar 1959 bilden die Basis für eine zweite Gruppe von Ursprungsmythen von Staat und Gesellschaft des gegenwärtigen Kuba. Die neuen mambises ( Kämpfer der Unabhängigkeitskriege) waren nun die barbudos („Bärtige“), die ab 1956 in der Sierra Maestra eine Guerilla-Truppe bildeten, die sich – zur „Rebellenarmee“ ausweitete. Ihr typisches „Outfit“: die militärische Tracht, der Bart, und die Zigarre – letztere als traditionelles Zeichen der Cubanidad.
Die Helden dieser Kämpfe und die maßgeblichen Akteure im politischen Prozess waren Fidel Castro, der zur zentralen Figur der Revolution und des neuen kubanischen Staats schlechthin wurde, sowie sein Bruder Raúl Castro, Ernesto „Che“ Guevara, Camilo Cienfuegos und Juan Almeida. Der Máximo Lider Fidel Castro erscheint in den Erzählungen über die „mythische Zeit“ der Revolution meist als ihr Kulturheros, als der unwandelbare providentielle Führer, als Übervater der Nation und oberste Berufungsinstanz, als der eigentliche Stifter der „neuen Zeit“, der mit der Revolution und ihren Anfängen identisch ist.
Ein eschatologischer Mythos: der „neue“ Mensch in einer „neuen“ Gemeinschaft
In seinem Essay von 1965 „El socialismo y el hombre en Cuba“ entwarf Ernesto „Che“ Guevara einen Neuen Menschen in einer Neuen Gemeinschaft. Dabei verknüpfte er Elemente des Humanismus des Philosophen und Helden der Unabhängigkeitskriege José Martí mit marxistischem Gedankengut. Die neue, im Entstehen begriffene Gemeinschaft war für Guevara zu diesem Zeitpunkt die kommunistische Gesellschaftsform: Der „Neue Mensch“ (hombre nuevo) erlangt dort durch Erziehung und Selbsterziehung ein umfassendes Bewusstsein seiner sozialen Existenz und verwirklicht sich im Rahmen von „befreiter Arbeit“, die nicht feudalen Herren sondern der Gemeinschaft zugute kommt. Die Verwirklichung der Ideale der Neuen Gesellschaft fordert immer wieder Opferbereitschaft des Einzelnen.
Der Entwurf Guevaras kann insofern als ein „eschatologischer Mythos“ verstanden werden, als er Ziel- und Sinnsetzung der Revolution als (quasi säkularisiertes) Heilsgeschehen in die Zukunft projiziert. Mit den Mythen des Ursprungs teilt der Mythos vom Neuen Menschen deren Begründungs- und Beglaubigungsfunktion und legitimiert Institutionen wie ausgeübte Herrschaft – hier konkret der Partei und der politischen Führung als Avantgarde der Revolution. Eine pragmatische Funktion kann dem Mythos vom Neuen Menschen und der Neuen Gemeinschaft ebenfalls zugesprochen werden, nämlich die Möglichkeit, Leit- und Modellvorstellungen für ganz konkrete Sachzusammenhänge zu entwickeln, u.a. für den Bereich Arbeit und Produktion.
Quelle des historischen Überblicks: Lateinamerika-Institut, Wien, Österreich
Wie die „Revolution“ das sozialistisch-kommunistische Modell in Kuba umsetzte, kann hier nachgelesen werden.
Weitere Quellen: Frank Niess, Günther Machke, Matías F. Travieso-Díaz, Boris Goldenberg, Thomas C. Wright, Fraucke Gewecke