Verfallene Infrastruktur


Seit vielen Jahren werden zu geringe Investitionen in die Instandhaltung von Infrastrukturen aller Art getätigt. Devisen sind knapp und werden für andere Zwecke als die Instandhaltung verwendet. Dies zeigt sich an den baufälligen Gebäuden in Havanna, aber auch im gesamten Produktionssektor.

Landwirtschaft und Industrie

Das Scheitern der Agrarreform

Die Bewirtschaftung der zentralisierten landwirtschaftlichen Flächen wurde weitgehend mechanisiert. Die Sowjetunion unterstützte Kuba mit den erforderlichen landwirtschaftlichen Geräten, Traktoren und Maschinen. Die unmittelbare Folge war die Etablierung und Ausweitung einer kapitalintensiven Landwirtschaft mit immer größeren Produktionseinheiten.

Diese landwirtschaftliche Produktion orientierte sich weniger an sowjetischen Vorbildern; mit ihrem intensiven Einsatz von Maschinen, Pestiziden, Düngemitteln usw. sowie ihren großen Anbauflächen ähnelte sie eher der hochkapitalisierten US-amerikanischen Agrarindustrie und der „Grünen Revolution“ in Indien. Gleichzeitig handelte es sich jedoch um eine typisch sozialistische, d. h. extensive Produktionsweise: Im Allgemeinen konnte eine Produktionssteigerung nur durch den Einsatz größerer Mengen an Betriebsmitteln erreicht werden, und der Sektor war zunehmend durch chronische Ineffizienz und geringes Wachstum gekennzeichnet; unrentable Betriebe wurden zu einem Grab für staatliche Subventionen.

Trotz der enormen Anstrengungen erreichte die landwirtschaftliche Pro-Kopf-Produktion Kubas erst Anfang der 1980er Jahre wieder das Niveau vor der Revolution. Und obwohl zwischen 1960 und 1990 ein Viertel der auf der Insel getätigten Investitionen in die Landwirtschaft floss, blieben die Ergebnisse hinter den lateinamerikanischen Vergleichswerten zurück.

Die sozialistische Regierung versuchte, ihre Misserfolge in der Landwirtschaft vor allem durch Importe auszugleichen. Doch diese Politik ging erneut zu Lasten der Landwirtschaft. Da der Großteil der Importe durch Zuckerexporte finanziert werden musste, wurden die Anbauflächen für Zuckerrohr immer weiter ausgebaut. Im Jahr 1989 flossen nur noch 43 % der landwirtschaftlichen Produktion in die nationale Selbstversorgung, was 0,14 Hektar Anbaufläche pro Einwohner entsprach. Das bedeutet, dass auf der Insel proportional weniger Land für die eigene Nahrungsmittelversorgung bewirtschaftet wurde als in Indien. Seit den 1980er Jahren wurden jährlich etwa 50 % des Inlandsbedarfs durch Importe gedeckt. Kuba wurde in hohem Maße von Importen zur Sicherung der strategisch wichtigen Nahrungsmittelversorgung abhängig – eine Bedrohung, die bis heute nicht überwunden wurde.

So war die Agrarpolitik der Revolution in den ersten dreißig Jahren trotz der immensen Subventionen und der Industrialisierung nicht erfolgreich; es gelang ihr nicht, die Landwirtschaft der Insel von ihrem ungesunden Erbe zu befreien und sie von ihren beiden chronischen Übeln zu heilen: der Abhängigkeit von Produktions- und Konsumimporten sowie dem Arbeitskräftemangel auf dem Land. Letzteres verschlimmerte sich sogar noch, da die Arbeit auf dem Land während der Revolution einen Großteil ihres Ansehens einbüßte und der Anteil der ländlichen Bevölkerung auf 25 % der Gesamtbevölkerung schrumpfte.


Die rasante Industrialisierung unter Che Guevara als Industrieminister

Im Zuge der ersten Agrarreform war das Land in 28 landwirtschaftliche Entwicklungszonen unterteilt worden. In jeder dieser Zonen gab es einen INRA-Verwalter (Instituto Nacional de Reforma Agraria), in der Regel einen ehemaligen Offizier der Rebellenarmee, der die Umsetzung der Agrarreform leitete. In den Monaten nach der Agrarreform kam es zu einer Verlagerung der Entscheidungsgewalt von den INRA-Führungskräften hin zur Betriebsleitung der landwirtschaftlichen Betriebe. Dies sollte nicht als Vorherrschaft einer dezentralistischen Politik nach dem Zentralismus der ersten Phase interpretiert werden, sondern als eine Notwendigkeit, die sich aus der Unfähigkeit der Zentralverwaltung ergab, den Agrarsektor aufgrund der in so kurzer Zeit verstaatlichten Landmengen direkt zu lenken. Innerhalb der Genossenschaften gab es keinerlei Möglichkeit einer Kontrolle der Führung (die sich aus INRA-Beamten zusammensetzte) von unten, ebenso wenig wie die angekündigte Gewinnverteilung jemals in Kraft trat, da die elementarsten Buchhaltungsmechanismen völlig fehlten. Auf den direkt verwalteten Landgütern (die vor allem im Reisanbau und in der Viehzucht existierten) waren die Spielräume für Autonomie noch geringer, und sowohl die Verwalter als auch die Landarbeiter unterstanden direkt dem INRA. Auch im Fall des Zuckerrohrs sowie bei Reis und Viehzucht war es aufgrund der strategischen Bedeutung dieser Wirtschaftszweige nicht ratsam, sie privaten Erzeugern zu überlassen oder die Parzellen aufzuteilen: So entstanden die Zuckerrohrgenossenschaften, hybride Strukturen, in denen es eine vom INRA ernannte Verwaltung und einen von der Basis gewählten Vorstand gab.

Infolgedessen kam es zu einer Phase völlig improvisierter Verwaltung, die nach eigenem Gutdünken ablief. Ernesto Che Guevara bezeichnete dies als „administrativen Guerillismus“, um darauf hinzuweisen, dass die Verwaltungsmethoden und die dafür zuständigen Personen direkt aus der Guerilla übernommen worden waren.

Hier begann das, was sich als ein dauerhaftes Merkmal der Wirtschaftspolitik in Kuba herausstellte, nämlich die Konzentration der Anstrengungen auf bestimmte Wirtschaftszweige oder Sektoren zum Nachteil anderer, wobei die Verluste in der Regel die Gewinne übersteigen – und dies mangels einer wirksamen zentralen Planung und somit ohne eine systemische Sichtweise auf die Wirtschaft.

Es wurde der rasche Aufbau einer breiten Palette von Industriezweigen zur Importsubstitution vorangetrieben, darunter Metallurgie, Schwermaschinenbau und Maschinenbau, chemische Industrie, Transportausrüstung und sogar Automobilmontagewerke.

Zucker vs. Industrialisierung

Seit Beginn der Revolution war die Notwendigkeit erkannt worden, die Abhängigkeit von der klassischen kubanischen Monokultur (Zucker) zu verringern, um Platz für andere Anbauprodukte zu schaffen – als Teil einer offiziellen Strategie, die im Wesentlichen durch eine rasche Industrialisierung zur Substitution von Importen ergänzt werden sollte. Leider kam weder das eine noch das andere zustande.

Was die grundlegende Ökonomie-Politik betraf – die zugleich ideologische und politische Praxis war –, konnten sich Castro und Guevara, die wichtigsten Planer – von denen keiner Wirtschaftswissenschaften studiert hatte –, lange Zeit nicht auf eine Entscheidung über die Rolle des Zuckers in der kubanischen Wirtschaft einigen. Obwohl Zucker schon immer die tragende Säule Kubas gewesen war, entwickelten die Revolutionsführer in den Jahren 1959 und 1960 die kühne Vorstellung, dass die Insel ihre Abhängigkeit von diesem Produkt beenden müsse – sicherlich, weil es eine traurige Erinnerung an die von den Vereinigten Staaten dominierte „koloniale“ Vergangenheit darstellte.

Es fehlte eine rationale Wirtschaftspolitik im Hinblick auf die klassische kubanische Monokultur. Die Realität setzte den ideologischen Überzeugungen Castros und Guevaras einen Dämpfer und zeigte beiden, dass sie den Zuckeranbau nicht aufgeben konnten. Da der Zuckersektor vernachlässigt wurde, sank die Zuckerernte von 6,7 Millionen Tonnen im Jahr 1961 auf 3,8 Millionen Tonnen im Jahr 1963, was zu einer Zahlungsbilanzkrise führte. Später zwangen die wirtschaftlichen Realitäten Castro und Guevara dazu, die Vorstellung aufzugeben, dass die Industrialisierung über Nacht zur neuen Quelle des Reichtums werden könnte.

Im Rahmen des Industrialisierungsprozesses waren kurzfristige Ziele festgelegt worden, die die Möglichkeiten des Landes überstiegen und auf Importe aus dem Ausland angewiesen waren, die nicht rechtzeitig eintrafen. Die sowjetischen wirtschaftlichen Interessen, die sich aus Kubas Angliederung an die UdSSR ergaben, führten dazu, dass Fidel Castro seinen Blick wieder auf den Zuckeranbau richtete. Das Endergebnis war, dass Kuba stärker denn je von Zuckerexporten, von importierten Betriebsmitteln aller Art und von einem neuen hegemonialen Partner, der Sowjetunion, abhängig wurde.


Die Flucht des technischen und administrativen Personals zu Beginn der Revolution aufgrund ihres Verhaltens hatte eine besorgniserregende Lücke hinterlassen, da es unmöglich war, es sofort durch lokales Personal zu ersetzen. Manchmal wurde jungen Revolutionären die Verantwortung für die Leitung von Zuckerfabriken oder technologisch fortschrittlichen Produktionsstätten übertragen, was zu jenem „administrativen Guerillismus“ von Che Guevara führte, der ein großes Hindernis auf dem Weg zur Entwicklung darstellte.

Es war ein grundlegender Fehler begangen worden, indem eine allzu ehrgeizige und unrealistische Entwicklungsstrategie entworfen worden war, die auf eine rasche Diversifizierung der landwirtschaftlichen Produktion und einen beschleunigten Industrialisierungsprozess abzielte. Dies machte die mangelnde technische Vorbereitung, die fehlende Verwaltungserfahrung der jungen Führungskräfte der gerade erst verstaatlichten Unternehmen sowie den Mangel an statistischen Informationen umso deutlicher, was die Planungstätigkeit ernsthaft einschränkte. Das Scheitern der ersten Entwicklungsstrategie war 1963 offensichtlich: Ein Industrialisierungsprozess war nicht in Gang gekommen, und in der Landwirtschaft kam es zum Zusammenbruch vieler Produktionszweige, anstatt zu einer Diversifizierung, wie sie geplant war.

Das Modell des „budgetierten“ Finanzsystems und das Modell der „wirtschaftlichen Berechnung“

Che Guevara führte ein sogenanntes „budgetiertes Finanzsystem“ ein, nach dem die Unternehmen ohne finanzielle Autonomie und ohne Buchhaltung arbeiten mussten; sie erhielten keine Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Produktion und bezahlten ihre Vorleistungen auch nicht mit diesen Einnahmen. Ohne eine rationale Preisstruktur und ohne Kenntnis ihrer tatsächlichen Kosten sowie des Werts ihrer Produktion konnten weder die Unternehmen noch die Planungsbehörden sich ein Bild von der tatsächlichen Effizienz der Unternehmen, der Wirtschaftssektoren oder der Ressourcennutzung an irgendeiner Stelle machen. Das Ergebnis war eine katastrophale Ineffizienz.

Im Rahmen der Wirtschaftsrechnung müssen sich sozialistische Staatsunternehmen selbst finanzieren, d. h. ihre Ausgaben aus den durch ihre Wirtschaftstätigkeit erzielten Einnahmen decken, ohne auf den Zentralhaushalt zurückgreifen zu können. Sie verhielten sich daher wie kapitalistische Unternehmen, strebten nach Gewinnen, pflegten horizontale Beziehungen zu anderen Unternehmen und nahmen bei Bedarf Bankkredite in Anspruch. Die Arbeitskräfte wurden wie im kapitalistischen System durch materielle Anreize motiviert. Dieses System der Wirtschaftssteuerung wurde zunächst in der UdSSR angewendet, und sein wichtigster Befürworter in Kuba war Carlos Rafael Rodríguez, ehemaliger Führer der Sozialistischen Volkspartei und sowjetfreundlich gesinnt, der 1963 zum Direktor des INRA ernannt wurde und versuchte, die Wirtschaftskalkulation in den landwirtschaftlichen Betrieben einzuführen – allerdings ohne großen Erfolg.

Das „fidelistische“ Finanzsystemmodell

Im Jahr 1965 machte sich Che Guevara, der als Minister das System der Haushaltsfinanzierung in der Industrie eingeführt hatte, auf, um den Guerillakampf zunächst in den Kongo und im folgenden Jahr nach Bolivien zu tragen. Rodríguez übergab Castro die Leitung des INRA, das mit dem Abbau beider Systeme der Wirtschaftssteuerung begann.

Die wichtigsten Veränderungen, die Fidel Castro damals einführte, waren folgende:

  • Der Zentralplanungsausschuss verlor an Einfluss, und die Leitung der Wirtschaft wurde in der Person des Oberbefehlshabers, Fidel Castro selbst, zentralisiert.
  • Der Staatshaushalt wurde abgeschafft (der letzte war 1967 verabschiedet worden), und die staatlichen Unternehmen stellten den gegenseitigen Zahlungsverkehr ein.
  • Die 1961 eingeführten Gehaltsstufen und Vorschriften wurden aufgehoben, und es wurde die Arbeitszeit nach eigenem Ermessen eingeführt, mit freiwilligen und unentgeltlichen Überstunden.
  • Die Unternehmen hatten lediglich in physischen Größen definierte Produktionsziele, ohne jegliche Kontrolle über die Produktionskosten.

Castro bezeichnete dieses Führungssystem als „das neue System der Wirtschaftsbuchführung“.

Die Folgen der Umsetzung des „Fidel-Modells“ waren unbestreitbar katastrophal.

inige landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Mais verschwanden; die Produktion von Knollenfrüchten, die für die kubanische Ernährung wichtig sind – wie Maniok, Yamswurzel, Süßkartoffel und Taro –, ging zwischen 1957 und 1970 um 90 % zurück. Auch die Obstproduktion (Bananen, Ananas) erlitt einen drastischen Einbruch, und die Milchproduktion sank um 30 %; zudem gingen die Schweine- und Hühnerfleischproduktion erheblich zurück.

All dies trotz der enormen Investitionsanstrengungen, die in diesem Zeitraum im Agrar- und Viehwirtschaftssektor unternommen wurden: So stieg beispielsweise die Anbaufläche zwischen 1965 und 1970 um 30 %, und die Zahl der Traktoren verdoppelte sich zwischen 1968 und 1970.

Von der Zuckerphobie zur Zuckerphilie

Die revolutionären Führer versuchten in den ersten Jahren, eine Politik der Industrialisierung und wirtschaftlichen Diversifizierung durchzusetzen, die sich deutlich gegen den Zuckeranbau richtete; doch es ist offensichtlich, dass mit der Änderung der Entwicklungsstrategie im Jahr 1964 der Versuch einer Diversifizierung der Exporte ein Ende fand und die Zuckerproduktion wieder als die unverzichtbare Devisenquelle angesehen wurde, die sie bis 1959 gewesen war.

Die erheblichen Handelsdefizite, die Abkommen mit China und der UdSSR zur Stabilisierung des Zuckerpreises auf einem angemessenen Niveau (über den Produktionskosten) sowie die vereinbarten Abnahmemengen, gepaart mit dem geringen Anteil von Zucker- und Tabakimporten, führten zu einem radikalen Wandel in der Entwicklungsstrategie. Man wechselte von der „Zuckerscheu“ zur „Zuckerkult“, indem man eine orthodoxere Entwicklungsstrategie mit dem Zucker anstelle der Schwerindustrie verfolgte. Die diesmal realistischere Vorstellung war, dass die hohen und stabilen Einnahmen aus den Zuckerexporten einige Jahre später die Finanzierung einer industriellen Entwicklung ermöglicht hätten.

Auf diese Weise sollte der Export gefördert und über den Außenhandel die Finanzierung der inländischen Investitionen sichergestellt werden. Die Strategie scheiterte: Für den Zeitraum 1965–1970 war eine Produktion von 47.000.000 Tonnen Zucker geplant, tatsächlich wurden jedoch nur 35.100.000 Tonnen produziert. Dies führte dazu, dass die Lieferverpflichtungen gegenüber der UdSSR in einer Menge nicht erfüllt wurden, die fast der Differenz zwischen der tatsächlichen und der geplanten Produktion entsprach (an die Sowjets wurden 12.100.000 Tonnen geliefert, die Hälfte der für diesen Zeitraum vereinbarten Menge). Die Exporte in die UdSSR gingen zwischen 1966 und 1969 um jährlich 5,4 % zurück. Das Handelsdefizit gegenüber der UdSSR lag zwischen 1968 und 1972 stets über dem Gesamtwert der Exporte in dieses Land.

Obwohl sie die kubanische „Häresie“ kritisierten, sorgten die Sowjets dafür, dass die Revolution überlebte. Im Jahr 1969 beliefen sich die Zuckerverkäufe auf dem Weltmarkt auf 2.180.000 Tonnen und lagen damit über den Exporten in die UdSSR (1.350.000 Tonnen). Letztere gingen zwischen 1964 und 1969 um 30 % zurück. Im Jahr 1972, dem Jahr des zweiten Handelsabkommens mit den Sowjets, lag der Wert der Zuckerexporte in die UdSSR unter dem von 1964 (dem Jahr des ersten Abkommens), während sich die Importe aus der UdSSR fast verdoppelt hatten. Mit dem neuen Abkommen von 1972 machte die UdSSR jedoch weitere Zugeständnisse: Sie legte einen Preis für kubanischen Zucker fest, der dem steigenden Trend auf dem Weltmarkt entsprach, und akzeptierte, dass die Lieferungen aus Kuba gering blieben, damit das Land den Zucker auf dem Weltmarkt verkaufen und vom Preisanstieg profitieren konnte.

Nur die großzügige sowjetische Hilfe verhinderte den Zusammenbruch des revolutionären Prozesses, doch dies ebnete den Weg für wirtschaftliche Abhängigkeit, die Kuba zu einem Satellitenstaat der Sowjetunion machte.


Die revolutionäre Offensive (1968)

Das Hauptziel dieser Kampagne bestand darin, ein für alle Mal mit den Überresten der vorrevolutionären Ära Schluss zu machen, was für den Aufbau einer neuen Gesellschaft und die Schaffung des „Neuen Menschen“ von entscheidender Bedeutung war – wobei es sich dabei um nichts anderes handelte als um das Konzept des strengen und tugendhaften Revolutionärs, der zu jedem Opfer bereit und frei von jeglichem materiellen Ehrgeiz war.

Die Revolutionsregierung hatte bereits zu Beginn der 1960er Jahre die großen Unternehmen und Konzerne verstaatlicht. Die Vergesellschaftung der großen Produktionsmittel war ein unverzichtbarer Schritt beim Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft. Die Enteignung kleiner und mittlerer Unternehmen sowie jeglicher Art von Privatbetrieben war jedoch ein radikaler Schritt, der noch darüber hinausging. Viele verstanden nicht, inwiefern die Enteignung eines Imbissstandes, an dem Brot mit Kroketten verkauft wurde, zum Aufbau des Sozialismus beitrug, doch wie bereits erwähnt, war die vollständige Zerstörung des alten gesellschaftlichen Paradigmas das Ziel. Auf den Trümmern der alten Gesellschaft sollte eine neue entstehen, bestehend aus unbestechlichen, asketischen und tugendhaften Menschen, die vor allem revolutionär und aufopferungsvoll waren und bereit, sich für das neue Vaterland zu opfern.

Es war ein würdiges Ideal, für das es sich zu kämpfen lohnte, denn darin liegt die Schönheit der Ideale: Sie dienen als Leuchtfeuer und Wegweiser, um besser zu werden; doch dieser Wunsch darf weder aufgezwungen werden noch gegen die elementarsten Logikgesetze verstoßen. Enteignet wurden Lebensmittelgeschäfte, Metzgereien, Kneipen, Gastronomiebetriebe, nämlich Restaurants, Cafés usw. Ebenso wurden Wäschereien, Friseursalons, Schuhgeschäfte, Kfz-Werkstätten, Handwerksbetriebe, Tischlereien und alles andere enteignet, was auch nur den Hauch von wirtschaftlicher Unabhängigkeit und Selbstversorgung darstellte. Natürlich hatte all das in der neuen sozialistischen Gesellschaft keinen Platz, da in dieser Gesellschaft der Staat der absolute Garant für die Befriedigung der Bedürfnisse des Volkes sein sollte – für alle Bedürfnisse des Volkes.

Gab es denn niemanden, der vor den Folgen dieser Offensive gewarnt hätte, unter denen die Kubaner tatsächlich bis heute leiden? Viele dieser kleinen und mittleren Unternehmen oder Privatbetriebe, die im Rahmen der Revolutionären Offensive von 1968 enteignet wurden, waren Teil des Familienvermögens vieler Kubaner, die diese über Generationen hinweg und unter großen Anstrengungen aufgebaut hatten, um sich selbst und ihren Nachkommen ein besseres Leben zu sichern. Die Enteignung des mit so vielen Opfern erworbenen Vermögens hatte irreversible menschliche Folgen. Ganze Familien wurden in den Ruin getrieben, manche verloren den Verstand, andere suchten ihren Ausweg im Selbstmord, wieder andere wanderten aus, und viele verbrachten den Rest ihres Lebens in Hoffnungslosigkeit.

Die oberste revolutionäre Führung täte gut daran, sich zu entschuldigen, denn dies wäre nicht nur politisch korrekt, sondern würde auch so viel Groll und Bitterkeit gegenüber der Revolution lindern – Wunden, die bis heute noch nicht verheilt sind und ihren Ursprung in jenen Tagen des Jahres 1968 haben, als man glaubte, Ideale ließen sich von Hand zusammennähen und das Paradies liege gleich um die Ecke.


Der Gürtel von Havanna (1967-1968)

Damals hatte Havanna eine Gesamtfläche von 6.106 Kilometern und eine Gesamtfläche für Landwirtschaft und Forstwirtschaft von 4.928. In einer Rede aus jener Zeit – einer dieser großspurigen Reden – erklärte Fidel Castro, dass bis Ende 1969 95 % der Gesamtfläche rund um Havanna bebaut sein würden, wie ein Gürtel um die Stadt herum. Seinen Angaben zufolge sollte dieses Projekt die Stadt Havanna in nicht mehr als fünf Jahren vollständig mit Lebensmitteln versorgen. „Sollte dieses Experiment erfolgreich sein, wird es in Santiago de Cuba umgesetzt“, erklärte Castro diesbezüglich gegenüber der gerade erst gegründeten Tageszeitung Granma.

Es entstand die Idee, die enteigneten Landgüter, die einst die Stadt Havanna versorgt hatten, neu zu bepflanzen. Der Befehl lautete, Kaffee und Gandules (Hülsenfrüchte) anzubauen. Es ging darum, einen Garten anzulegen, der die Knappheit des Produkts beseitigen und es sogar exportieren sollte, wodurch die Transportkosten für die in den Bergen im Osten der Insel geernteten Früchte eingespart würden. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden täglich etwa 25.000 Arbeiter mobilisiert, weshalb es durchaus üblich war, dass Arbeitsstätten und Bildungseinrichtungen morgens geschlossen blieben, mit einem Schild an der Tür, auf dem stand: „Wir arbeiten für den Gürtel“.

Die Fläche des «Gürtels von Havanna» betrug etwa 30’000 Hektaren Land, von denen etwa 19’000 mit Obstbäumen bepflanzt waren, zwischen denen Kaffee angebaut wurde. Der Rest der Fläche umfasste 1’7’000 Hektaren Weideland, das bereits etwas weiter ausserhalb lag, sowie zwei Wälder: einen fast im Herzen der Stadt am Ufer des Flusses Almendares, der etwa 500 Hektaren gross war, und einen weiteren Wald in der Nähe der Calle 100, der etwa 300 bis 400 Hektaren umfasste.

Das Juwel des sogenannten «Gürtels von Havanna» war der Caturra-Kaffee, eine sonnenliebende Zwergkaffeesorte, die in Brasilien angebaut wird, wobei nicht einmal Bodenuntersuchungen berücksichtigt wurden. Es genügt zu sagen, dass achtmal so viele Sträucher gepflanzt wurden, wie in Mexiko in einem Jahr gepflanzt werden.

Im Obstbau waren 5 Millionen Setzlinge von Mango, Guanábana, Anón, Cashew, Criollo-Zitrone, Tamarinde, Mamey und anderen Früchten zugesichert worden. Castro kam auf die Idee, im Cordón etwa 4’000 Hektaren Zitrusfrüchte anzupflanzen, denn er sagte, dass man in Florida auf einer ähnlichen Landfläche jährlich über 5’000’000 Tonnen Zitrusfrüchte produziere und die Kubaner da nicht zurückstehen dürften, da ihre Böden besser seien. Der «grosse Chef» leistete damals noch einen weiteren grossen Beitrag: den Bau grosser Terrassen für den Anbau auf 59 Hügeln der Hauptstadt. Ausserdem ordnete er den Bau von etwa 80 kleinen und mittleren Staudämmen sowie eines grösseren in Palo Seco an, der später zu einer Art Denkmal der Ineffizienz werden sollte.

Da er sich auch als «Vater der Viehzucht» ausgab, liess er 14 Millionen Setzlinge des heute vergessenen Gandul (der Moringa jener Zeit) pflanzen. Es wurden zahlreiche Gebäude errichtet, die heute keinerlei Funktion mehr erfüllen, sowie mehr als 500 Kilometer Windschutzstreifen, die angeblich dazu dienen sollten, die Plantagen vor der austrocknenden Wirkung der Winde zu schützen.

In weniger als 150 Tagen wurden im Gürtel von Havanna 458 Wohnhäuser, 130 kleine Schweineställe, 100 Hühnerställe, 79 Viehställe, 338 sonstige Bauten – Speisesäle, Lagerräume – und 280 Anlagen in Grünflächen errichtet. Fidel hatte sich zum Ziel gesetzt, Kuba in kurzer Zeit zu einem der grössten Milch- und Fleischproduzenten der Welt zu machen.

Diese Informationen reichen aus, damit drei Generationen verstehen, warum man in Kuba keinen reinen Kaffee trinkt, sondern ihn mit Erbsen mischt. Heutzutage kennen viele Kinder und Jugendliche einige dieser Früchte gar nicht mehr.

Das Projekt scheiterte, als man feststellte, dass die Kaffeepflanzen nicht wuchsen, weil parallel dazu eine andere, extrem schnell wachsende Pflanze, der Gandul, angepflanzt worden war, die der Plantage Schatten spenden sollte, aber den gesamten Sauerstoff aus dem Boden aufnahm und die Kaffeepflanzen abtötete.

Es wäre sehr schwierig, die Kosten für den Transport dieser Menschen, für alle nicht erbrachten Dienstleistungen und für den eingesetzten Maschinenpark zu beziffern. Allein an Löhnen gingen über 105’000’000 Pesos verloren. Wen interessierte das schon, wenn es sich um eine «geniale» Idee des Oberbefehlshabers handelte?

Wenn sich die Menschen fragen, wie die kubanische Wirtschaft zerstört wurde, muss man sich an diese Zeiten erinnern, die die Grundlage für die zerstörerischen «Ideen» des Regimes bildeten, und daran, wie die Sturheit eines einzigen Mannes dazu beitrug.


Die 10-Millionen-Ernte (1970)

Es gab eine Zeit, in der Kuba gleichbedeutend mit Zucker war. Die Zuckerrohrplantagen trugen die Wirtschaft der Insel und prägten die Höhen und Tiefen ihrer Geschichte. Es handelte sich um den symbolträchtigsten Produktionszweig des Landes, um sein Fundament und den Motor seiner Modernität; um den Grund für seine Grösse und für sein grösstes Elend. Nicht viel anders verhielt es sich mit Fidel Castro, der sich auf die umfangreichen Zuckerexporte stützte, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Oder besser gesagt: auf Masseneinkäufe der Sowjetunion zu subventionierten Preisen. Wie alles in der kubanischen Revolution lief alles recht gut, solange die Sowjetunion als grosser kommunistischer Bruder Kuba mit Millionen subventionierte. Die Führung der Zuckerindustrie ist das Paradebeispiel schlechthin für die schwerwiegenden wirtschaftlichen Verfehlungen von Fidel Castro und seiner Regierung. Und sie steht für das wohl grösste Scheitern des Revolutionsführers: die dort bekannte «Zehn-Millionen-Ernte».

Beflügelt von der guten Entwicklung des Sektors und von der Euphorie, die ihn oft erfasste, erklärte der Oberbefehlshaber das Jahr 1970 zum Jahr der Zafra – also der Zuckerernte – von zehn Millionen Tonnen Zuckerrohr. Letztendlich war dies nicht möglich, und die Produktion kam nicht über 8,5’000’000 hinaus. Es war zwar die bis dahin höchste Ernte, doch das war kein grosser Trost. Castro hatte seinen Plan bereits im Februar 1964 in seiner Rede vor der ersten Nationalversammlung der Bankangestellten skizziert. Doch erst im Oktober 1969, an einer Veranstaltung der Agronomiestudenten, formulierte er die Herausforderung in solch entschiedenen und selbstkritischen Worten: «Wenn wir bei 9’999’999 Tonnen bleiben würden, wäre das eine grosse Anstrengung, sehr verdienstvoll und was auch immer ihr wollt. Aber wir müssen wirklich von vornherein sagen, dass es moralisch gesehen eine Niederlage wäre. Denn wir geben uns nicht mit halben Erfolgen zufrieden (…) Es wäre eine Niederlage, kein Sieg. Denn das Problem der 10 Millionen ist zu mehr als nur Tonnen geworden, es ist zu mehr als nur Wirtschaft geworden: Es ist zu einer Bewährungsprobe geworden, zu einer moralischen Frage für dieses Land!“.

Ganz Kuba machte sich an die Arbeit. Unter Beteiligung der Armee wurden Hunderttausende Bürger mobilisiert, um Zuckerrohr zu schneiden. Die Art und Weise, wie sich das Land dem von seinem damaligen Premierminister gesetzten Ziel verschrieb, versetzte alle Länder, die dieses grosse Unterfangen verfolgten, in Staunen. Fidel selbst widmete zahlreiche vierstündige Arbeitstage dem Zuckerrohrschneiden. «Die zehn Millionen kommen!» («¡Los diez millones van!»), wiederholte die Propaganda, und daraus entstand die berühmte Salsa-Band Los Van-Van (Die Kommen-Kommen).

Doch die Herausforderung erwies sich als übermässig gross. Fast alles andere trat in den Hintergrund. Ein Grossteil der übrigen produktiven Tätigkeiten wurde stark beeinträchtigt, da sie nur noch auf Sparflamme liefen. So erlitt der Rest der kubanischen Wirtschaft in jenem Jahr einen Rückgang von über 20 %. Ausserdem wurden die Weihnachtsfeiertage ausgesetzt, da sie mit den Tagen zusammenfielen, an denen die Zuckerrohrernte am intensivsten war.

Seit jenem für die revolutionären Führer so wenig denkwürdigen Jahr unterlag die Zuckerproduktion starken Schwankungen, die von den Schwankungen der Weltmarktpreise und den daraus resultierenden Überlegungen des Oberbefehlshabers abhingen. Da Fidel kein Freund von Halbheiten war, ordnete er im Jahr 2002 die Schliessung von mehr als hundert seiner Zuckerfabriken an – das waren 60 %. Er begründete dies damit, dass dieser Anbau «den Ruin» für das Land bedeute. Bald sollte er dies bereuen.

Im Jahr 2006 liessen die starken Anstiege der Zuckerpreise die Kubaner die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, und man riet dazu, den Blick wieder auf diesen Sektor zu richten: Eine Steigerung der Produktion drängte sich auf. Doch es war bereits zu spät. Ein Beweis dafür ist, dass Kuba sowohl in jenem Jahr als auch 2007 gezwungen war, Hunderttausende Tonnen Zucker im Ausland zu kaufen, hauptsächlich in Kolumbien und Brasilien. Im Jahr 2010 verzeichnete das Land die schlechteste Zuckerernte seit 105 Jahren: gerade einmal eine Million Tonnen.

Schliessung der Hälfte der Zuckerfabriken (2002)

Im Jahr 2002 kamen Fidel und Raúl Castro angesichts der damals tiefen Zuckerpreise zum Schluss, dass es für die Zuckerindustrie keine Zukunft gebe, und ordneten die Schliessung von 71 der insgesamt 156 Zuckerfabriken an. Rund 33 % der mit Zuckerrohr bepflanzten Flächen gingen verloren, 100’000 Arbeiter verloren ihren Arbeitsplatz, die Dörfer bei den Plantagen verwandelten sich in Geisterstädte. In den folgenden Jahren begannen die Zuckerpreise zu steigen.


Ernährung in Kuba

Das Versorgungsheft 1962

Die Verabschiedung des Gesetzes Nr. 1015 von 1962 führte zur Einführung des Versorgungsheftes mit dem Ziel, sicherzustellen, dass Grundnahrungsmittel für die gesamte Bevölkerung erschwinglich waren. Durch einen Beschluss des Ministerrats wurde die Nationale Behörde für die Lebensmittelverteilung ins Leben gerufen, die im Rahmen ihrer Befugnisse die ersten Massnahmen zur Regulierung der Lebensmittelversorgung der Kubaner erliess und damit die folgenden Jahre der Rationierung einläutete. Unter dem Euphemismus «Jahr der Planung» (1962) gab die Nationale Kommission für die Lebensmittelverteilung an ihrer ersten Sitzung vom 13. März 1962 bekannt, welche Produkte rationiert würden und wie deren Bezug über das Rationierungsheft ablaufen sollte.

In der Praxis erhält jede Familie ein Versorgungsheft, in dem die Namen, das Alter und das Geschlecht der Familienmitglieder vermerkt sind; mit diesem Heft holen sie die Lebensmittel ab. Manche Produkte werden einmal im Monat geliefert, doch oft treffen nicht alle rechtzeitig ein. Deshalb warten die Menschen bis Mitte oder Ende des Monats, bis alle Produkte im Lager vorrätig sind, um nicht mehr als einmal hingehen zu müssen.

Was als Massnahme zur «Verbesserung der Verteilung der Versorgungsgüter» begann, entwickelte sich schliesslich zu einer staatlichen Politik, die die Bevölkerung über die Ernährung bis ins Innerste kontrolliert. Das Regime drang in jeden einzelnen Haushalt ein und begann unvermittelt, zu kontrollieren, was jede Familie essen durfte und mit welchen Produkten sie sich waschen durfte. Im Handumdrehen wurden durch die Anordnungen der Junta Massnahmen für das ganze Land, einschliesslich 26 Städte und für das «Grosse Havanna», festgelegt.

Es handelte sich nicht um eine nebensächliche Entscheidung, die mit der Versorgungslücke zwischen denjenigen, die sich etwas leisten konnten, und den Ausgegrenzten begründet wurde, sondern um eine bewusste Massnahme, jeden Einwohner der Insel über eine Person zu registrieren, die als «Familienoberhaupt» fungieren sollte und alle Mitglieder der Kernfamilie registrieren sollte, damit der paterfamilias, der Revolutionsstaat, auf diese Weise die «Versorgung gewährleisten» konnte.

Tatsächlich gab es keinen Gewinn, sondern einen enormen Verlust. Es ging nicht nur die Freiheit des Kaufens verloren – sowohl für diejenigen, die es sich leisten konnten, als auch für diejenigen, die es nicht konnten –, sondern auch die Freiheit, nicht von einem ideologisierten Apparat wie den Komitees zur Verteidigung der Revolution (CDR) kontrolliert zu werden, einem Überwachungsorgan, das von diesem Moment an an Schlagkraft gewann und seine Möglichkeiten zur Überwachung der Nachbarn ausbaute. Über das Rationierungsheft verschafften sich die CDR Zugang zu den Familien und konnten so ihre Kontrolle legal auf andere Bereiche ausweiten, beispielsweise darauf, ob die Familie oder einzelne Familienmitglieder für oder gegen die Revolution waren.

Auch wenn nicht alle Menschen angeben, dieselben Produkte zu erhalten, sind die am häufigsten vorkommenden Reis, weisser Zucker, brauner Zucker, Getreide – meist Erbsen –, Kaffee, Spaghetti, Bohnen, Salz und Streichhölzer. Was Fleischprodukte angeht, so handelt es sich – trotz einiger Abweichungen – um Poulet oder Fisch, Mortadella, Sojahackfleisch und Eier. Kinder und ältere Menschen erhalten eine spezielle Ernährung und zusätzliche Produkte. So bekommen kubanische Kinder bei der Geburt während ihres ersten Lebensjahres täglich ein Kompott und bis zum Alter von 7 Jahren täglich einen Liter Milch für 0.10 US-Dollar; danach müssen sie diese jedoch zu hohen Preisen in den Devisenläden kaufen. Das «Versorgungsheft» dient seit Jahrzehnten auch dazu, Personen, die sich aus medizinischen Gründen speziell ernähren müssen, spezielle Lebensmittelkontingente zukommen zu lassen, die Fleisch, Milch, Grundnahrungsmittel und Gemüse umfassen können.

“Trotz aller Hindernisse gewährleistet die kubanische Regierung mit ausserordentlichen Anstrengungen und trotz Engpässen und Schwierigkeiten das universelle Recht auf Nahrung durch den normierten Grundnahrungsmittelkorb, den alle Kubaner und Kubanerinnen erhalten und der 19 lebensnotwendige Nahrungsmittel zu erschwinglichen Preisen umfasst”.

Präsident Miguel Díaz Canel vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 23. September 2021

Die Realität der einfachen Kubaner ist jedoch weit entfernt von der, die der Präsident verkündet hat. Die Lebensmittelkarte reicht nicht aus, um die 19 Produkte abzudecken, und die darin enthaltenen Produkte reichen weder in ihrer Vielfalt noch in ihrer Menge aus, um den Bedarf eines ganzen Monats zu decken, und sie deckt auch nicht den Grundnahrungsmittelkorb einer Familie ab.

Nach Angaben der kubanischen Menschenrechtsbeobachtungsstelle reichen die Lebensmittel aus dem Rationierungsheft bei 6 von 10 Familien nur für 5 bis 10 Tage, und ausserdem gaben 70 % der befragten Familien an, dass es an Grundnahrungsmitteln mangelte. Das bedeutet, dass das Rationierungsheft nicht ausreicht, um den Nahrungsbedarf der Bevölkerung zu decken, und dass die alternativen Versorgungsmöglichkeiten unzureichend sind.

Reichen die Produkte aus dem Lebensmittelpass nicht aus, um den Monat zu überbrücken, können sich die Kubaner an die Läden wenden, in denen in Landeswährung eingekauft wird; diese führen jedoch meist nur ein oder zwei Produkte, und um diese zu erhalten, muss man lange Schlange stehen. Das Anstehen garantiert jedoch nicht, dass man die Produkte auch tatsächlich bekommt, da sie häufig ausverkauft sind und die Menschen erneut zurückkommen müssen. Ausserdem sind die Produkte in der Regel rationiert und werden in begrenzten Mengen verkauft.

Derzeit gibt Kuba jährlich mehr als 1’000’000’000 US-Dollar für Lebensmittelsubventionen aus, die über das «Versorgungsheft» an alle Bürger ausgegeben werden, wobei diese nur 12 % des tatsächlichen Warenwerts bezahlen.

Das Schlimmste an der Situation ist, dass 67 % der von der kubanischen Menschenrechtsbeobachtungsstelle Befragten die Ernährung ihrer Familie als unzureichend bezeichnen, während 38 % angeben, aus Geldmangel oder wegen fehlender Mittel auf eine Mahlzeit verzichten zu müssen.

Daher ist die Rede von Díaz-Canel nicht nur voller Unwahrheiten, sondern stellt auch einen Verstoss gegen die internationalen Verpflichtungen Kubas dar – eines Landes, das weit davon entfernt ist, seiner internationalen Verantwortung hinsichtlich der Gewährleistung der Menschenrechte und insbesondere des Rechts auf Nahrung nachzukommen. Somit ist die Rede von Díaz-Canel nicht nur fernab der Realität der Kubaner, sondern steht zudem im Widerspruch zu den vom kubanischen Staat tatsächlich ratifizierten Übereinkommen.

Das Rationierungsheft garantiert nicht etwa einen dauerhaften und uneingeschränkten Zugang zu Nahrungsmitteln, sondern ist vielmehr eine verbotene Form der Erpressung, die eine Abhängigkeit vom Staat zur Sicherung des Lebensunterhalts schafft, sowie eine Form der sozialen Kontrolle durch Verarmung und Warten.

Das Problem ist nicht das «Versorgungsheft», sondern die Löhne; die Preise entwickeln sich in die eine Richtung und die Löhne in die andere. Anstatt Lebensmittel für alle zu subventionieren, sollte die Bevölkerung angemessene Löhne verdienen, und über eine Versicherung könnten Menschen mit tiefem Einkommen unterstützt werden.


Wohnraum in Kuba

Die kubanische Verfassung erkennt das Recht auf Wohnraum an (Artikel 71)und überträgt dem Staat die Verantwortung, die Voraussetzungen für dessen Verwirklichung zu schaffen. Die meisten Kubaner (ein Mitglied der Großfamilie) besitzen einen Eigentumsnachweis für ihr Haus und können diesen an ihre Kinder weitergeben. Der Kauf und Verkauf von Immobilien wurde jedoch in den 1960er Jahren verboten, als Kuba begann, einen idealistischen kommunistischen Staat aufzubauen. Die einzige legale Möglichkeit, den Eigentümer eines Hauses zu wechseln, war ein kompliziertes und bürokratisches Tauschsystem namens „la permuta“. Es gab eine Vielzahl von Vermittlern und Wiederverkäufern, die den Menschen halfen, die richtigen Kontakte zu knüpfen und die Bürokratie zu bewältigen. Für einen Tausch war eine Genehmigung der Regierung erforderlich, und offiziell war es nicht erlaubt, dass Geld den Besitzer wechselte. Dies hat zu weit verbreiteten Schwarzgeldzahlungen und allgemeiner Korruption geführt.

Seit 2011 ist es aufgrund geänderter Vorschriften einfacher, Immobilien oder Zimmer zu vermieten. Der Kauf und Verkauf von Häusern oder der Tausch gegen Zahlung der Differenz sind nun erlaubt – und das alles mit minimaler Einmischung der Regierung. Eine der am besten aufgenommenen Ankündigungen war, dass Immobilientransaktionen nun von zugelassenen Notaren abgewickelt werden. Dadurch entfallen die langen Wartezeiten, die mit der Genehmigung durch verschiedene Ministerien und andere Regierungsstellen verbunden sind. Doch in einem Land, in dem das Durchschnittsgehalt weiterhin bei 20 US-Dollar pro Monat liegt, sind es vor allem diejenigen, die finanzielle Unterstützung von Verwandten im Ausland erhalten, die am besten in der Lage sind, Immobilien zu erwerben.

Seit 2026 gilt in Kuba ein neues Wohnungsgesetz. Eine der auffälligsten Änderungen ist die Möglichkeit, dass eine natürliche Person bis zu drei Wohnungen besitzen darf. Jahrzehntelang war dieser Besitz unter dem Vorwand verboten, dass der Besitz mehrerer Immobilien mit dem sozialistischen Modell unvereinbar sei. Nun wird dies als Anpassung an wirtschaftliche Praktiken dargestellt, die de facto schon seit Jahren stattfinden: Ketten-Tauschgeschäfte, Mehrfacherbschaften und informelle Kaufgeschäfte, die der Staat nicht kontrollieren konnte. An sich ist die Maßnahme nach internationalen Maßstäben nicht außergewöhnlich. Das Problem ist der Kontext, in dem sie eingeführt wird: ein Land, in dem der Zugang zu einer ersten Wohnung für einen Großteil der Bevölkerung nach wie vor unerreichbar ist. Der Gesetzestext erwähnt Kredite, Zuschüsse und staatliche Programme als mögliche Unterstützungsinstrumente, legt diese jedoch nicht als einklagbare Rechte fest. Es werden weder Fristen noch Mindestbeträge, transparente Vergabekriterien noch wirksame Rechtsbehelfe im Falle einer Ablehnung festgelegt. In der Praxis stoßen diese Instrumente auf eine widrige wirtschaftliche Realität, in der anhaltende Inflation, gedrückte Reallöhne, chronischer Mangel an Baumaterialien und ein Bankensystem, das nicht in der Lage ist, tragfähige langfristige Finanzierungen anzubieten, vorherrschen. Für weite Bevölkerungsschichten ist der Hypothekarkredit keine Lösung, sondern ein unmöglich zu bewältigendes Verfahren.

Die Wohnungsknappheit – ein ständiges Problem in Kuba – führt dazu, dass die meisten Großfamilien, von den Großeltern über Tanten, Onkel und Cousins bis hin zu den Enkeln, zusammenleben müssen.

Mikrobrigaden 1970

In den 1970er Jahren verschärfte sich die Wohnungsknappheit in Kuba, da die staatlichen Massenbauprogramme nur einen Bruchteil ihrer Ziele erreichten, was zu einem kumulierten Defizit führte. An jenem 26. Juli 1970 schlug Fidel Castro einen Ausweg vor: „Wir lösen das Problem nicht, indem wir Zehntausende Arbeiter zum Ziegelsteinlegen einsetzen. An vielen Orten können die Nutzer selbst unter fachlicher Anleitung an der Lösung dieser Probleme mitwirken.“ Im Dezember desselben Jahres wurden die Mikrobrigaden ins Leben gerufen, in erster Linie als Reaktion auf die Wohnungsnot.

Diese Bewegung der Mikrobrigaden basierte darauf, dass einige Arbeitnehmer – Männer und Frauen –, die Wohnraum benötigten, von ihren Arbeitsstätten freigestellt wurden, um sich am Bau in diesen Mikrobrigaden zu beteiligen, die sich aus professionellen Bauarbeitern und den Menschen zusammensetzten, die später in den Gebäuden wohnen sollten. Sie gaben ihre regulären Tätigkeiten auf, um Wohnungen für sich und ihre Kollegen zu bauen, während diese ihre Aufgaben weiter wahrnehmen mussten – die sogenannte Mehrarbeit –, damit die Produktion nicht beeinträchtigt wurde.

Eine Brigade bestand aus insgesamt 33 Arbeitern – genau so viele, wie nötig waren, um innerhalb von neun Monaten ein fünfstöckiges Gebäude mit 30 Wohnungen mit jeweils zwei oder drei Zimmern zu errichten. Ein Teil des Teams wurde ausserdem in der Regel für soziale Bauvorhaben eingesetzt: Schulen, Kindertagesstätten, Kanalisation. Gearbeitet wurde von 8 bis 18 Uhr, montags bis samstags, sonntags den ganzen Vormittag. Doch die Arbeitszeiten wurden selten eingehalten; in der Regel arbeitete man zwischen 12 und 14 Stunden.

Nach Fertigstellung der Wohnungen wurden 20 Prozent davon an den Staat übergeben, und der Rest wurde in Arbeiterversammlungen zugeteilt, bei denen – nach Priorität – Verdienste (Arbeit, Blutspende, „Revolutionär sein“) und Bedürfnisse berücksichtigt wurden. Theoretisch verlieh die direkte Beteiligung am Bau keine Sonderrechte. An diesen Versammlungen nahmen die Mitglieder der Mikrobrigaden, ihre Familien sowie Gewerkschaftsführer, Verwaltungsbeamte und Vertreter der Einheitspartei teil. Da es fast immer mehr Mitglieder der Mikrobrigaden als zur Vergabe stehende Wohnungen gab und die Zuteilung durch Handzeichen erfolgte, kann sich der Leser vorstellen, was sich bei diesen Versammlungen abspielte.

Um den Bau dieser Gebäude zu beschleunigen und die Projektkosten zu senken, handelte es sich bei den meisten um Fertighäuser – Systeme, die in den ehemaligen sozialistischen Ländern Osteuropas in modifizierter Form weit verbreitet waren. Diese Wohnungen wurden aus minderwertigen Materialien errichtet, mit weniger Zement als vorgeschrieben, mit wenigen Türen und Fenstern (zum Beispiel nur zwei Türen: die zur Straße und die zum Badezimmer) sowie mit mangelhaften Wasser- und Sanitäranlagen. Wie man sich leicht vorstellen kann, traten schon kurz nach der Fertigstellung in vielen dieser Wohnungen Undichtigkeiten und andere Probleme auf, die das Leben ihrer Bewohner erschwerten. Die erste Wohnsiedlung, die mit Hilfe der „Mikrobrigaden“ errichtet wurde, ist Alamar außerhalb von Havanna.

Zwar gelang es vielen Arbeitern auf diese Weise, eine Wohnung zu erhalten, doch dies ging auf Kosten der De-Professionalisierung nicht weniger Ingenieure und Akademiker, die ihre technischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten einbüßten, weil sie so lange (manchmal bis zu zehn oder 15 Jahre) nur mit Spitzhacken, Schaufeln und Schubkarren ausgestattet waren, um Erde, Zement, Sand und Steine zu transportieren.

Und eine nicht unerhebliche Anzahl von „Mikrobrigadisten“, enttäuscht von der langen Wartezeit, verließ die Mikrobrigadenund kehrte an ihre Arbeitsstätten zurück, ohne die ersehnte Wohnung erhalten zu haben.

Im November 1989, als Tausende Kubaner eifrig damit beschäftigt waren, Mauern zu errichten, rissen die Berliner die Mauer nieder, die Deutschland teilte. Die Folgen waren für Kuba verheerend, da der Sozialismus in Europa verschwand und Kuba seine wichtigsten wirtschaftlichen Verbündeten verlor. In der Folge geriet Kuba in eine Krise – bekannt als die „Sonderperiode“. Nach dem Zusammenbruch des Sozialistischen Lagers stellte das Castro-Regime diese Programme unter dem Vorwand fehlender Ressourcen und wirtschaftlicher Vernachlässigung ein. Ein beträchtlicher Anteil der Gebäude, mit deren Bau begonnen worden war, wurde stillgelegt, und viele Betriebe zogen ihre „Mikrobrigaden“-Mitglieder ab, außerdem lenkte die castristische Paranoia vom „Krieg des ganzen Volkes“ die wenigen vorhandenen Ressourcen und Baumaterialien auf den Bau von „Volkstunneln“ um, in die die Bevölkerung „evakuiert“ werden sollte und in denen die militärischen Einrichtungen „angesichts einer möglichen imperialistischen Aggression“ getarnt werden sollten, wie der kubanische Diktator stets zu betonen pflegte.

Hauseinstürze

Der Wohnungsmangel auf der Insel beläuft sich auf 900.000 Wohneinheiten, wie die Behörden selbst einräumen. Die kubanische Wirtschaft ist angesichts der begrenzten Ressourcen nicht in der Lage, auf diese Notlage zu reagieren. Mangelnde Instandhaltung, Überbelegung und Ressourcenknappheit haben das Wohnungsdefizit in der Stadt Havanna weiter verschärft. Die betroffenen Familien, darunter viele mit Kindern und älteren Menschen, sind mit ungesunden und prekären Lebensbedingungen konfrontiert, ohne dass das Regime eine kurzfristige Lösung in Aussicht stellt. Zwischen 2000 und 2013 stürzten laut Angaben des Amtes des Stadtgeschichtsschreibers 3.856 Gebäude ein – fast eines pro Tag. Im Jahr 2020 galten rund 37 % der Wohnungen in Kuba als unsicher.

Einige Gebäude wurden während der Tourismuskampagne der 90er Jahre und nach dem Besuch des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama im Jahr 2016 renoviert. In den meisten Fällen jedoch bleiben die Balkone und oberen Stockwerke nur dank provisorischer Holzpfähle stehen, die von den Bewohnern selbst errichtet wurden. Die in eingestürzten Gebäuden gefangenen Familien in Havanna mussten mit ansehen, wie sich ihr Alltag auf das Warten in behelfsmäßigen Unterkünften beschränkte, begleitet von offiziellen Versprechungen des kubanischen Regimes, die niemals in die Tat umgesetzt wurden. Die kubanische Hauptstadt, berühmt für ihre Kolonialarchitektur, steht vor einer Wohnungskrise, die das Leben Tausender Menschen gefährdet. Abgesehen von den sorgfältig restaurierten Gebäuden in der Altstadt von Havanna sind die meisten Bauwerke – ob aus der Kolonialzeit oder nicht – dauerhaft beschädigt.

Die Wohnungsknappheit hat viele Familien dazu gezwungen, ihre baufälligen Behausungen durch den Einbau neuer Räume zu vergrößern, darunter die berühmten „Barbacoas“ (eine Art „zweites Stockwerk“ innerhalb eines Hauses), die die ohnehin schon geschwächten Bauwerke zusätzlich belasten.

„Eine ‚Barbacoa‘ in Havanna ist kein Grill, auf dem man ein bisschen Fleisch und ein paar gute Chorizos braten und sich ein üppiges Festmahl gönnen kann. Eine ‚Barbacoa‘ in Havanna ist eine aus Holz gefertigte Trenndecke, die die Tatsache ausnutzt, dass viele der Säulen der Kolonialhäuser hoch waren. In einer Höhe, in der man nicht gebückt gehen muss, wurden Holzbalken angebracht, die eine Art zweiten Stock bildeten, der, sobald er mit Holz oder sogar einer kleinen Betonplatte ausgekleidet war, die Wohnfläche verdoppelte, um das kritische und ewige Wohnungsproblem in Kuba zu lösen. Eine kleine Treppe führt zu diesem zweiten Wohnraum, der einem „Barbecue“ nur insofern ähnelt, als man dort oben beim Schlafen unter enormer Hitze leidet. Wenn man keinen Ventilator auf voller Leistung hat, „brät man“, und selbst mit dem Ventilator „kocht man“.“

Zeugenaussage eines Kubaners, 2012

Die Wohnungskrise in Kuba ist ein unumkehrbarer Prozess. Man kann zwar einige Gebäude restaurieren, verbessern und reparieren und sogar die bestehende Architektur verstärken, doch das Phänomen der Fragmentierung und der Konzentration des Wohnraums in der Hauptstadt ist etwas, das wir erben werden. Wir im Exil beschäftigen uns seit 40 Jahren mit dieser Situation, wir haben Lösungen und architektonische Entwürfe, um sie umzusetzen, aber die Behörden lassen dies nicht zu. Ohne Privateigentum und freien Markt wird die Situation unlösbar bleiben. Die Diktatur muss verschwinden, und erst dann werden sich die Dinge ändern.“

Rafael Fornés, Architekt und Professor an der Universität von Miami

Der baufällige Zustand vieler Gebäude in der Altstadt von Havanna hat sich zu einer der beliebtesten Touristenattraktionen entwickelt; Ausländer, bewaffnet mit ihren Spiegelreflex- oder Digitalkameras, fühlen sich von diesen einst schönen, heute jedoch kurz vor dem Einsturz stehenden Gebäuden angezogen, um ein Foto zu machen. Viele Kubaner laden die Touristen in ihre baufälligen Häuser ein, damit diese Fotos von den Ruinen machen – die bewohnten Ruinen ihrer eigenen Häuser –, damit die Touristen ihnen im Gegenzug 1 CUC (kubanische Währung bis 2021) geben. Weder Würde noch Patriotismus halten der Prüfung der ewigen Knappheit stand, dem Test, mit einem winzigen Lohn zu überleben, mit dem man nicht einmal bis zum Monatsanfang auskommt … und unter diesen Umständen ist das Fotografieren der eigenen Armut zu einem weiteren Mittel zum Überleben geworden.

‚Herbergen‘

Diejenigen, deren Häuser resp. Wohnungen aufgrund Einstürzen unbewohnbar wurden oder die in Gefahr sind, einzustürzen, werden in provisorische ‚Herbergen‘ (Albergues) gebracht. Das können anderen Häuser sein oder irgendwelche leeren Gebäude, Turnhallen, Fabrikhallen etc. In der Regel gibt es auch nicht genügend ‚Herbergen‘ für alle, deshalb sind die Familien oft auf sich selbst gestellt und müssen selbst irgendeine Lösung finden.
Das führt dazu, dass es Familien gibt, die ihren Haushalt inkl. Matratze auf die Strassen verlegen mussten, weil es keine Alternative gibt. Die ‚Herbergen‘ sind meistens in einem noch schlimmeren Zustand und viele müssen sich die Flächen mit Tüchern oder Kartons wie Zimmer einteilen. Viele wohnen sogar von 3-15 Jahren oder mehr in solchen ‚Herbergen‘.

Wohnen auf dem Land

Die Wohnsituation in den ländlichen Gebieten ist nicht viel besser.

Eine etwas bessere Wohnsituation

Es gibt nur zwei Kategorien von Kubanern, die eine bessere, ’normalere‘ Wohnsituation haben:

  1. Kubaner, die von Familienmitgliedern oder Freunden aus dem Exil resp. von ausserhalb Kubas unterstützt werden: nur mit regelmässigen Zahlungen von aussen können sie sich das Konstruktionsmaterial und die Wohnungseinrichtung kaufen, die es in den Devisenläden zu kaufen gibt (auch da ist das Angebot mitunter knapp). Mit dem regulären Lohn kann sich das kein Kubaner leisten.
  2. Regimetreue Kubaner: besonders regimetreue Kubaner, Militärangehörige, Parteifunktionäre und deren Familien, Regierungsmitglieder. Diese werden privilegiert behandelt und bekommen renovierte oder neu gebaute Wohnungen in schönen Wohnquartieren.

Das Unternehmen ‚Unión Constructora Militar‘ (Militärbaugesellschaft) errichtete den Altahabanece-Komplex innerhalb von drei Jahren, was einen großen Unterschied zu den übrigen Projekten der Baubranche darstellt, da es über die notwendigen Ressourcen und Finanzmittel für seine Investitionen verfügt. Der Wohnkomplex zeichnet sich durch eine gute Bauqualität, Gartenanlagen, Anstriche, Solaranlagen sowie einen Telefonanschluss und eine gute Anbindung an die vorhandenen Verkehrsmittel aus. Die Armee baut weiterhin Wohnungen für ihre Mitarbeiter sowie für das Innenministerium und zivile Einrichtungen, die mit dem Militärsektor verbunden sind – und das trotz der komplexen Situation im Zentrum der kubanischen Hauptstadt, wo Gebäude aufgrund ihres baulichen, städtebaulichen und architektonischen Verfalls das Leben Tausender Menschen sowie den historischen Wert dieser Bauwerke gefährden, vor allem im Stadtbezirk Habana Vieja, der von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde.
Unterdessen haben fast 4.000 in Notunterkünften untergebrachte Einwohner Havannas nach wie vor kein Zuhause, und ihr Aufenthalt in den Aufnahmezentren zieht sich auf bis zu über 15 Jahre hin, was sie dazu zwingt, unter beengten Verhältnissen in Räumlichkeiten und Gebieten zu leben, denen eine angemessene wirtschaftlich-soziale Infrastruktur fehlt.

Die Häuser der Familienangehörigen der Minister und der Führungsspitze der Castros

Das Haus von Vilma Rodríguez, Enkelin von Raúl Castro, das sie noch 2019 auf Airbnb für 650 USD die Nacht vermietete.

Die Villa von Mariela Castro Espín, die Tochter von Raúl Castro.

Mariela und auch andere Regierungsmitglieder gönnten sich auch gerne mal einen Hummer, obwohl diesen zu essen, für Kubaner verboten war und nur den Touristen vorbehalten war.

Ferienhäuser und Hotels

Ohne Verkehrsmittel, ohne Strom, mit Mangel an Lebensmitteln und Medikamenten und angesichts des immer stärker werdenden Verfalls ihrer Wohnungen müssen die Kubaner mit ansehen, wie mitten in den verfallenen Städten Luxushotels aus dem Boden gestampft werden. Diese Ferienwohnungen (casa particular) sind modern und luxuriös eingerichtet, viele mit Klimaanlage. Es ist bemerkenswert, dass dieses ganze Baumaterial und diese modernen Möbel ohne Probleme importiert werden können! Mit genügend Geld ist alles möglich – auch im sozialistischen Kuba!

Kubanische Hotels, für die Kubaner verboten – «Volks-Camping» 1981

Der am 16. Mai 1981 ins Leben gerufene «Plan Campismo Popular» war eine Idee von Fidel Castro, der im September 1959 vorschlug, «in Tälern, an Stränden und in den Bergen eine Form der Unterkunft und Erholung zu schaffen, die für alle erschwinglich ist».

Bei der Einleitung des Plans am 19. Juli 1981 erklärte der damals bereits amtierende Präsident des Landes in einer Rede: «Wir können nicht daran denken, an den Stränden viele Ferienanlagen zu errichten, wenn wir wissen, dass es zum Beispiel in eben diesen Bergen Hunderte und Aberhunderte von Lehrern gibt, die nicht einmal eine Hütte zum Wohnen haben; wenn wir wissen, dass es Hunderttausende von Arbeiter- und Bauernfamilien gibt, die unter gravierenden Wohnungsproblemen leiden.»

Das Land verfügte nicht über die Mittel, um die gravierenden Wohnungsprobleme von Hunderttausenden von Arbeiter- und Bauernfamilien zu lösen (die in den meisten Fällen auch Jahre später noch ungelöst sind), wohl aber über die Mittel, um einen Investitionsplan zu entwickeln, der es der Regierung ermöglichen würde, den internationalen Tourismus auszubeuten.

An einem privaten Treffen mit hochrangigen Tourismusverantwortlichen zu jener Zeit erklärte Fidel, der Tourismus müsse zur wichtigsten Einnahmequelle des Landes werden, man müsse Investitionen in Hotels und an den Stränden Priorität einräumen, und seine Hoffnungen ruhten auf dem Tourismus aus den USA. Bereits 1980 hatte Kuba zum ersten Mal mehr als eine Million ausländische Touristen empfangen, 2.6-mal mehr als 1975. Daher war es notwendig, die vom Inlandstourismus belegten Kapazitäten freizumachen, um sie für ausländische Touristen zu nutzen.

Die Prioritäten, die diesen Funktionären hinter verschlossenen Türen vorgegeben worden waren, wurden von Fidel Castro in seiner Rede vom 19. Juli 1981 jedoch nicht erwähnt. Sein Argument zur Rechtfertigung des Plans lautete, dass «nicht alle Strände ausreichen würden, damit 10 Millionen Bürger – und zwar allein in der kurzen Zeit von Juli und August, die mit den Ferien zusammenfällt – an den Strand fahren könnten». Jeder versteht, dass dies keine flächendeckende Lösung des Problems sein kann. Wie können wir sie finden? Genau dadurch, dass wir das Zelten und den Wandertourismus ausbauen, denn dann kommen wir mit einer Hängematte, einem Rucksack, einer Nylonplane und einem Zelt aus.“

Im Rahmen dieses Plans wurden die Kubaner dazu aufgefordert, ihre Ferien in Zelten und einfachen Hütten zu verbringen – mit Ausflügen in die Natur, an Flüsse, Bäche und Strände von minderer Qualität; mit Essen, das dem in den «Arbeiterkantinen» ähnelte, serviert auf Aluminiumtabletts, mit billigem Rum und Musik –, anstatt in Hotels und touristische Einrichtungen zu gehen. Und dies sollte zudem als Privileg angesehen werden.

Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Programms im Jahr 2006 erklärte Fidel vor den Gründern und Leitern des «Volks-Campings», den Führungskräften des Kommunistischen Jugendverbands (UJC), Universitätsstudenten und Sozialarbeitern: «In Europa oder an jedem anderen Ort der Welt kostet diese Form der Freizeitgestaltung Millionen von Dollar. Hier hingegen wird sie – gut organisiert – als gesunde Art des Freizeitgenusses verstanden».

Da die Menschen jedoch nicht immer in der Lage sind, Privilegien wie das des Volkscampings zu schätzen, wurde den Kubanern der Zutritt zu den Hotels untersagt.

So erfüllte das «Volks-Camping» (zusammen mit dem verfassungswidrigen Verbot für Kubaner, in Hotels zu übernachten, selbst wenn sie das Geld dafür hatten oder jemand für sie bezahlte) die «revolutionäre» Aufgabe, die touristischen Einrichtungen für den ausländischen Tourismus freizumachen.

Da der «Volks-Camping»-Plan in erster Linie für Jugendliche konzipiert war, die die Einrichtungen an Stränden und Flüssen geniessen sollten, wer wäre besser geeignet als die UJC (Kommunistischer Jugendverband), diese zu verwalten? Fidel Castro formulierte es 1981 so: «Wir haben mit den Genossen der Kommunistischen Jugend zusammengearbeitet, um in den Bergen und Wäldern von Pinar del Río die ersten Jugend- und Arbeiterlager zu organisieren…».

Und während sie diese Form der Erholung genossen, standen die Jugendlichen die ganze Zeit unter dem ideologischen Einfluss der Jugendorganisation der PCC (Kommunistische Partei Kuba). Auf diese Weise erfüllte der Plan eine doppelt «revolutionäre» Rolle. Einerseits wurde er zur erzwungenen Alternative (auch wenn er als Privileg dargestellt wurde) für die Kubaner, die aus Hotels und touristischen Einrichtungen vertrieben wurden. Andererseits schuf er ein Umfeld der Freiheit und des Kontakts mit der Natur, das der Indoktrinierung der Jugend diente.

30 Jahre nach dem Aufkommen der Ferienlager und angesichts der Tatsache, dass der Touristenstrom nicht das ganze Jahr über gleichmässig ist – was dazu führte, dass die Hotels monatelang fast leer standen –, beschloss die kubanische Regierung, ihren Bürgern zu gestatten, in den seit Jahren ausschliesslich für Ausländer bestimmten Unterkünften zu übernachten. Doch die meisten Kubaner konnten sich aufgrund der tiefen Löhne nicht einmal eine einzige Nacht in einem Hotel leisten.

Seit 2008 ist das Verbot (das nie in einem schriftlichen Gesetz verankert wurde), wonach Kubaner weder in Hotels übernachten noch diese betreten durften, nicht mehr in Kraft. Zudem hatten die wirtschaftlichen Massnahmen, mit denen die Regierung von Raúl Castro die Wirtschaft des Landes «ohne Eile, aber ohne Pause» wiederbeleben wollte, dazu geführt, dass eine Gruppe von Kubanern entstanden war, die über genügend Geld verfügte, um sich diesen Luxus leisten zu können, da sie finanzielle Unterstützung von Verwandten (Kubanern im Exil) und Freunden aus dem Ausland erhielten. Geld, das sich die Regierung nicht entgehen lassen wollte.

Luxushotels in Kuba

Für den Bau von Hotels verfügte das Regime stets über ausreichende finanzielle Mittel und Baumaterialien, selbst in Zeiten schwerster Krisen. Auch der Bau und der Betrieb von Hotels wurden nicht eingeschränkt, als es infolge der COVID-19-Pandemie und der sich seit Jahren verschärfenden Krisen in den Bereichen Stromversorgung, Nahrungsmittelknappheit usw. zu einem erheblichen Rückgang des Tourismus in Kuba kam.


Elektrizität in Kuba

Energie-Revolution 2006

Sieben Wärmekraftwerke und zwei Kraftwerke, die mit Erdölbegleitgas betrieben werden, bilden das «schwache» nationale Stromnetz, dessen häufige Ausfälle und Stillstände aufgrund von Wartungsarbeiten zu langen und ärgerlichen Stromausfällen führen, die Castro beseitigen will. Der Plan sah vor, die grossen Wärmekraftwerke durch zahlreiche kleine, über die ganze Insel verteilte Generatoren zu ersetzen, um die Probleme dieses Sektors zu lösen, die im Wesentlichen auf ein veraltetes und unrentables Stromnetz zurückzuführen sind. Castro gab bekannt, dass das Land 4’158 dieser kleinen Generatoren angeschafft habe. Diese Massnahme funktioniert jedoch aus folgenden Gründen nicht:

  • Die Wirtschaftlichkeit der gross angelegten Stromerzeugung geht verloren;
  • Die Synchronisierung der Stromversorgung aus zahlreichen Standorten, um den sich von Minute zu Minute ändernden Strombedarf zu decken, ist kompliziert und kostspielig;
  • Die Anzahl der Probleme und die Wartungskosten für so viele verstreut liegende Generatoren sind hoch;
  • Die logistischen Kosten für Steuerung und Betrieb steigen in dem Masse, wie das nationale Netz durch regionale Systeme ersetzt wird.
  • Anstelle von kostengünstigem Schweröl wird teurer Dieselkraftstoff verwendet:
  • Der Dieselkraftstoff muss per Lastwagen zu den über die Insel verstreuten Generatoren transportiert werden;
  • Es sind Investitionen für die Lagerung von Dieselkraftstoff in zahlreichen Vorratslagern erforderlich;
  • Probleme mit Diebstahl von Dieselkraftstoff können erheblich sein, und die Kosten für Sicherheit und Schutz können hoch ausfallen.

Kein anderes Land der Welt hat diese Methode der Stromerzeugung eingeführt, was darauf hindeutet, dass sie aus wirtschaftlicher Sicht keinen Sinn ergibt.

Der Energie-Masterplan lässt zudem eine mögliche Rolle des Zuckersektors bei der Ethanolproduktion und als Beitrag zur Energieversorgung ausser Acht. Ritter erklärt: „Die Erfahrungen aus Brasilien zeigen, dass Ethanol aus Zuckerrohr bei höheren Ölpreisen wirtschaftlich rentabel wird. Die Schliessung von rund 70 der 156 kubanischen Zuckerfabriken im Jahr 2003, die Stilllegung weiterer 40 sowie der Rückgang des gesamten agroindustriellen Zuckersektors stellen zudem einen erheblichen Verlust für die Stromerzeugung dar.“

Ersatz von Haushaltsgeräten

Fidel Castro ordnete ausserdem an, Haushaltsgeräte sowjetischer Herstellung – «Stromfresser» – durch neue Geräte chinesischer Technologie mit geringem Energieverbrauch und modernem Design zu ersetzen. Die Strategie basiert auf Sparmassnahmen. Im Rahmen dieser Kampagne trennten sich die meisten Kubaner von ihren Haushaltsgeräten sowjetischer und US-amerikanischer Herstellung und ersetzten sie durch solche aus chinesischer Produktion. Die nationale Presse und an ihrer Spitze der «allwissende Chef» selbst (Fidel Castro) erklärten damals die Vorteile des Kochens mit elektrischen Schnellkochtöpfen, des Ersatzes des lästigen Kerosins, das viele Familien noch benutzten, durch einen modernen Kochherd, der an den Strom angeschlossen wurde, und des Erhitzens von Wasser in einem auffälligen Plastikkrug, der weder Zündholz noch Gas benötigte, da er nur Watt verbrauchte.

Fidel Castro


Es ist weder eine «schrittweise Senkung des Stromverbrauchs» gelungen, noch wurden Hindernisse bei so grundlegenden Tätigkeiten wie dem Kühlen oder der Zubereitung von Lebensmitteln beseitigt. Viele dieser brandneuen Haushaltsgeräte gingen überraschend schnell kaputt.

Fast 20 Jahre später sind die meisten Geräte (Elektroherde, Ventilatoren, Reiskocher, Kühlschränke, Fernseher) kaputtgegangen, und die Kubaner müssen sich mächtig ins Zeug legen, um sie zu reparieren oder zu ersetzen.

In Kuba sind mehr als eine Million Kochgeräte aufgrund fehlender Ersatzteile ausser Betrieb. Obwohl das Land angibt, nicht über die finanziellen Mittel zu verfügen, um Ersatzteile für die Kochgeräte der Kubaner zu beschaffen, hat die Finanzknappheit, unter der das Programm leidet, keinen Einfluss auf die Montage von elektrischen Reiskochern und Mehrzwecktöpfen, die für den Verkauf in Läden in MLC (frei konvertierbare Währung – Dollar) bestimmt sind.

Im März 2022 kündigte die Nationale Industrie für Haushaltsgeräte (INPUD) die Wiederaufnahme der Montage dieser Töpfe an. Die 16’000 Einheiten beider Geräte, deren Produktion die INPUD vorgesehen hatte, waren für diese Läden bestimmt, in denen Kubaner, die auf staatliche Löhne angewiesen sind, nicht einkaufen können, sowie für den Verkauf über die Online-Shops der Regierung, wo nur Zahlungen aus dem Ausland möglich sind.

Bislang scheinen die eingenommenen Dollar den Kubanern keine Vorteile gebracht zu haben, da sie ihre Kochgeräte nicht reparieren können, weil die Regierung keine Ersatzteile dafür gekauft hat.

Stromausfälle

Stromausfälle sind für Millionen Kubaner zu einem alltäglichen Problem geworden; resigniert müssen sie mit ansehen, wie der Strom immer häufiger und für immer längere Zeit ausfällt. Dies geschieht mitten im nördlichen Sommer, bei Temperaturen, die ohne einen funktionierenden Ventilator oder einen Kühlschrank, der die Lebensmittel frisch hält, kaum zu ertragen sind. Fast täglich meldet die Regierung Störungen in ihren Wärmekraftwerken, die den Grossteil des Bedarfs von bis zu 3’000 Megawatt (MW) zu Spitzenzeiten decken sollen – in einem Land, in dem erneuerbare Energien gerade einmal 6 % beitragen. Die Behörden führen die Produktions- und Versorgungsunterbrüche meist auf Wartungsarbeiten, Pannen, Brände, Treibstoffknappheit oder fehlende Ersatzteile zurück.

Stromausfälle in Kuba sind ein immer wiederkehrendes Problem, unter dem die kubanische Bevölkerung seit Jahrzehnten leidet. Sie sind vor allem auf mangelnde Investitionen und Instandhaltung der Strominfrastruktur des Landes zurückzuführen sowie auf die Abhängigkeit von importierten Brennstoffen zur Stromerzeugung oder die Nutzung von kubanischem Rohöl mit hohem Schwefelgehalt.

Hinzu kommt die jüngste Dieselknappheit auf der Insel, wo sich lange Warteschlangen vor den Tankstellen gebildet haben. Die kubanischen Behörden haben in den letzten Jahren einige provisorische Lösungen umgesetzt, wie zum Beispiel den Einsatz von schwimmenden Kraftwerken aus der Türkei, die einige Dutzend MW liefern. Andere grössere Projekte, von der Errichtung eines riesigen Windparks bis hin zu einem Kraftwerk, das mit Biomasse aus Zuckerrohr betrieben werden sollte, sind entweder nicht zustandegekommen oder haben nicht die erwarteten Ergebnisse gebracht.

„Früher wurde der Strom zumindest für ein bis drei Stunden abgeschaltet, jetzt schalten sie ihn sechs, sieben oder acht Stunden am Stück ab. Wir haben die Nase voll; hier gibt es nicht viele Ressourcen, und manche Leute haben nichts, womit sie Licht machen können; ausserdem kann man vor Hitze und Unbehagen nicht schlafen, und am nächsten Tag muss man schon wieder aufstehen und zur Arbeit oder zur Schule gehen. Und meiner Tochter verhindern die nächtlichen Stromausfälle, dass sie mitten in der Prüfungszeit lernen kann.“.

Zeugenaussage eines kubanischen Vaters, 2022

„Das Schlimmste ist, dass man nicht kochen kann, denn zu den Stromausfällen kommt noch die Gasverknappung hinzu. Um die Gasflasche aufzufüllen, muss man drei oder vier Tage lang in der Schlange stehen, und wenn es auch keinen Strom gibt, können die Leute nicht kochen und viele müssen hungern. Bis man schliesslich wieder mit Holz kochen muss! Es ist wirklich stressig, ständig darüber nachdenken zu müssen, wann der Strom wiederkommt; und wenn man ihn hat, darüber nachzudenken, wann er wieder abgeschaltet wird, und zu versuchen, alles in dem Moment zu erledigen, in dem er da ist: kochen, waschen, bügeln…“.

Zeugenaussage einer kubanischen Mutter, 2022

In diesem Sommer voller Stromausfälle und Verzweiflung mangelt es nicht an Menschen, die hinterfragen, was aus den angeblichen Errungenschaften der Energierevolution geworden ist, und eine Bilanz fordern, inwieweit diese Kampagne zu der Katastrophe beigetragen hat, die derzeit erlebt werden, da man sich für Wege und Strategien entschieden hat, die sich zwei Jahrzehnte später als gescheitert erwiesen haben. Doch genau jene regierungsnahen Stimmen, die eine – im wahrsten Sinne des Wortes – «strahlende» Zukunft bei der Stromversorgung prophezeit hatten, schweigen nun oder vermeiden es, auf diese jüngste Vergangenheit zu blicken. Sie wissen, dass Kritik an diesen Entscheidungen direkt auf Fidel Castro abzielt. Da sie also kein Mea culpa für dieses Projekt aussprechen können, machen sie sich zu Komplizen seiner verhängnisvollen Folgen.

Für Touristen und die kubanische Elite wird es keine Stromausfälle geben

Nicht das gesamte kubanische Staatsgebiet ist gleichermassen von den Stromausfällen betroffen. Die Hauptstadt – und insbesondere ihre bekanntesten Stadtteile wie das Vedado oder die Altstadt von Havanna – ist in der Regel der letzte Ort, an dem der Strom ausfällt. Havanna wurde schon immer aufgrund seiner politischen und touristischen Bedeutung geschont. An der Weltmesse für Tourismus «World Travel Market» 2022 erklärte der kubanische Tourismusminister Juan Carlos García Granda, dass die Stromausfälle, von denen die kubanische Bevölkerung betroffen ist, «dem Tourismus nicht schaden», da der Privatsektor darauf vorbereitet sei. «Sowohl der private als auch der staatliche Tourismussektor bereitet sich mit Notstromaggregaten oder Photovoltaikanlagen auf Energieausfälle vor, denn wir verfolgen auch Umweltziele.»

Unterdessen gewöhnen sich die Kubaner in den Provinzstädten und ländlichen Gebieten so gut es geht an ihre neue energetische Normalität.


Wasser in Kuba

Bei der Trinkwasserversorgung ist Kuba in hohem Masse vom Regen abhängig, der versickert und über Grundwasserquellen in die Flüsse gelangt, von wo aus er gepumpt und gefiltert wird, um anschliessend an die Haushalte verteilt zu werden. Es gibt zwar auch Stauseen, doch aufgrund der Dürre ist Trinkwasser knapp.

Die Speicherkapazität der dreizehn Stauseen in den ehemaligen Provinzen Las Villas, Camagüey und Oriente betrug bis Anfang der 60er Jahre nicht mehr als 47.8 Millionen m³. Aufgrund des unzureichenden Stauseesystems und des eingeschränkten Zugangs zu Wasserressourcen waren die Auswirkungen der Dürre von 1961 und 1962 sowie des anschliessenden Wirbelsturms Flora im Jahr 1963 verheerend.

Vor diesem Hintergrund entstand die als «Hydraulischer Wille» bekannte Politik, die darauf abzielte, die Wasserreserven durch den Bau neuer Staudämme zu erweitern. Es wurde ein Netz von Stauseen geschaffen, das die Versorgung in Dürrezeiten sicherstellen und in Regenperioden Speicherkapazität bieten sollte. Die Stauseen sollten zudem dazu dienen, die Flussläufe bei Hochwasser zu kontrollieren. Die Arbeiten begannen 1963 mit der Ankunft der ersten 140 Spezialisten aus Ungarn und der ehemaligen Sowjetunion, die das Wasserbauunternehmen berieten. In den folgenden Jahren vergrösserte Kuba sein Speichervolumen in Oberflächenstauwerken um das 190-Fache, sodass es heute über mehr als 9’000’000’000 m³ in 242 Oberflächenstauwerken verfügt.

Die Stauseen in Kuba sind mehrheitlich mehrjährig, was bedeutet, dass es mehrere Jahre dauert, bis sie sich füllen und wieder entleeren. Diese Besonderheit ist für die nachhaltige Bewirtschaftung der Stauseen von entscheidender Bedeutung. Jeder von ihnen weist je nach der Hydrologie der jeweiligen Region unterschiedliche Füll- und Entleerungszyklen auf. Nach einem Hurrikan mit starken Regenfällen füllen sie sich schnell, doch nach einer regenlosen Periode verdunstet das Wasser schneller.

Mängel im Unterhalt

Die Probleme bei der Wasserversorgung könnten weitgehend gemildert werden, wenn die dem Land zur Verfügung stehenden Ressourcen angemessen verwaltet würden. Derzeit gibt es zwei gravierende Probleme: die Messung und die mangelhafte Betriebsführung der Wasserquellen, die weit über die Stauseen hinausgehen. Kuba verfügt über kein effektives Messsystem, mit dem sich die gelieferten Wassermengen genau kontrollieren lassen. Um das Messproblem zu beseitigen, wäre die Installation von «Messgeräten an allen Stauseen, Wasserleitungen und Rohrleitungen» erforderlich. Einige davon werden in Kuba hergestellt, andere müssen jedoch importiert werden, insbesondere jene, die bei grösseren Bauwerken wie Wasserleitungen und Staumauerschleusen zum Einsatz kommen. Die Probleme bei der Messung wirken sich direkt auf die Bewirtschaftung der Wasserquellen aus. Das Fehlen einer Kontrolle über den tatsächlichen Verbrauch macht es unmöglich, den Bedarf zu ermitteln, und verhindert eine korrekte Planung der zu liefernden Wassermengen.

Häufig werden aus den Grundwasserleitungen willkürliche Mengen entnommen, je nach den Entscheidungen der Verantwortlichen. Dies bedeutet, dass das Risiko einer Übernutzung der Wasserreserven – seien es Oberflächen- oder Grundwasservorkommen – bei der Bewirtschaftung der Wasserressourcen des Landes stets besteht.

Auch bei den Wasserversorgungsquellen sind Verfügbarkeit und Nutzung aufgrund des technischen Zustands und des unsachgemässen Betriebs der Infrastruktur zur Wassernutzung unzureichend und die Insel verliert mehr als die Hälfte des gepumpten Wassers aufgrund des schlechten Zustands der Wasserversorgungsnetze.

Wie alles im Sozialismus wird auch die Wasserversorgung vom Staat geregelt. Häufig gibt es nur einmal alle paar Tage Wasser, und das auch nicht rund um die Uhr. Es gibt nicht genug Wasser, weshalb es an einem Tag in einen Bezirk fliesst und am nächsten in einen anderen. Das variiert je nach Quartier und ist auch regional unterschiedlich in Kuba.

Genau wie beim Strom betrifft die Wasserknappheit weder die Touristenhotels noch die kubanische Elite. Die Angehörigen des Regimes und die Funktionäre haben jeden Tag Zugang dazu.

An den Tagen, an denen Wasser geliefert wird, fliesst es nicht gleichmässig. Aufgrund von Problemen mit den Leitungen und der Wasserknappheit gibt es nur für einige Stunden Wasser. Und die Leitungen reichen nicht immer bis in die Wohnungen hinein; die Bewohner beziehen ihr Wasser über Schläuche oder selbstgebaute Rohre. Viele Kubaner nutzen Motoren, um das Wasser in den obersten Teil des Hauses zu pumpen; von dort aus wird es im ganzen Haus verteilt.

In Kuba ist es ganz normal, nasse Strassen zu sehen, auch wenn es seit Tagen nicht geregnet hat. Die fast immer veralteten und undichten Leitungen lassen Wasser entweichen. Mehr als 50 % des Trinkwassers geht aus diesem Grund verloren. Für die Instandhaltung sind staatliche Angestellte zuständig, die auf importierte Materialien angewiesen sind, die jedoch nicht geliefert werden. Die Lösungen sind nur vorübergehend, und Lecks werden meist provisorisch abgedichtet. Wenn sie ein Problem in der Wasserleitung entdecken, vertrauen viele Kubaner nicht darauf, dass der Staat es bald beheben wird. Es werden Tage, vielleicht sogar Wochen vergehen, bevor sich jemand darum kümmert.

„Letzte Woche hat ein Mann, der hier an Stromkabeln arbeitete, versehentlich ein Loch in die Wasserleitung gebohrt. Wir wurden alle nass! Aber es dauert viel zu lange, bis jemand das überprüft. Wir mussten das Loch gemeinsam mit den Nachbarn wieder abdichten, damit die Flüssigkeit nicht weiter austritt.“

Zeugenaussage eines Kubaners, 2017

Raúl Castro: Eine wirtschaftliche «Öffnung» mit wenigen Ergebnissen (2011)

Raúl Castro löste 2008 seinen Bruder Fidel als Präsident des Staatsrats von Kuba ab. Seitdem hat die Insel Veränderungen in ihrer Organisation durchlaufen, ohne jedoch ihre kommunistische Struktur oder die 1959 eingeführten revolutionären Prinzipien aufzugeben. Bei seinem Amtsantritt beschloss Raúl Castro, einen Kurs der Strukturreformen einzuschlagen, um das kubanische Wirtschafts- und Sozialmodell zu «modernisieren» und die schwere Wirtschaftskrise zu überwinden.

Als Teil dieses Programms verabschiedete Raúl Castro eine Reihe von «transformativen» sozialen und wirtschaftlichen Reformen, die auf die Einführung von Marktmechanismen abzielten, dabei aber an den sozialistischen Prinzipien der zentralen Planung festhielten (und ohne diese Veränderungen mit einer politischen Liberalisierung zu verbinden). Die Wiederbelebung war das Hauptziel der Reformen im wirtschaftlichen Bereich und bedeutete eine Kehrtwende gegenüber einer Politik, die zuvor einen rein sozialistischen Ansatz verfolgt und Reformen des freien Marktes abgelehnt hatte.

Tatsächlich kam es nicht zu einer wesentlichen Änderung des Wirtschaftsmodells, sondern zu einer Aktualisierung desselben, wobei die Vorherrschaft der staatlichen Zentralplanung und des Staatseigentums gegenüber den Gesetzen des freien Marktes beibehalten wurde. Das Ziel dieses Prozesses war es, die Kontinuität und Unumkehrbarkeit des Sozialismus zu gewährleisten, wie die kubanischen Behörden erklärt haben, sowie die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zu fördern und den Lebensstandard der Bevölkerung zu verbessern.

Die verabschiedeten Vereinbarungen sahen unter anderem die Übertragung von Nutzniessungsrechten an Kleinbauern und Genossenschaften vor und ebneten den Weg für Massenentlassungen von Hunderten von Staatsangestellten. Die Leitlinien der Reform legten jedoch nicht fest, welche spezifische Rolle der staatliche und der nichtstaatliche Sektor in der Wirtschaft spielen sollten.

Land in Nutzniessung an Bauern

Eine der wichtigsten Säulen der Reformen war die Überlassung ungenutzter Staatsflächen an Kleinbauern und Genossenschaften in Nutzniessung, mit dem Ziel, die Importe zu reduzieren und die Produktion zu steigern. Die Nutzniesser haben das Recht erhalten, diese Flächen zu bewirtschaften und ihre Ernte zu behalten, doch der Staat behält weiterhin das Eigentum und kann den Vertrag aus Gründen des öffentlichen Interesses kündigen.

Die Regelung wurde durch zwei Gesetze umgesetzt: ein erstes im Jahr 2008, das zahlreichen Einschränkungen unterlag und für die Landwirte in der Praxis nachteilig war; und ein zweites im Jahr 2012, das flexibler war und mit dem die Regierung die Grösse der Parzellen (von 13 auf 67 Hektaren) erweiterte, die Anlage von Obstgärten und Wäldern genehmigte und zudem den Bau von Häusern neben den Grundstücken erlaubte (was zuvor verboten war). Allerdings enthielt das Gesetz von 2012, obwohl es, wie bereits erwähnt, weniger restriktiv war als das vorherige, weiterhin gewisse Hindernisse, die die Beteiligung der Landwirte erschwerten.

Selbstständige Tätigkeit (cuentapropismo)

Anfang 2011 wies der staatliche Personalbestand eine «aufgeblähte» Quote auf, mit Millionen von Staatsangestellten in prekären Stellen und unter prekären Arbeitsbedingungen. Aus diesem Grund trieb Raúl Castro zwischen Oktober 2010 und März 2011 die Entlassung von 500’000 überzähligen Staatsangestellten voran, was die Arbeitslosenquote auf 12 % steigen liess. Um dieser Massnahme entgegenzuwirken, wurden in einer ersten Phase 250’000 Selbstständigkeitsstellen geschaffen und auch andere private Tätigkeiten gefördert. Die Beschlüsse des VI. Kongresses der Kommunistischen Partei Kubas ermöglichten die Zulassung von 178 selbstständigen Tätigkeiten: Viele davon waren sehr spezifisch und unqualifiziert (wie Gabelstaplerfahrer oder Badewächter), und nur wenige qualifiziert (wie Übersetzer oder Versicherungsagenten). Damit wurde die private Erwerbstätigkeit flexibilisiert.

Trotz dieser Entwicklung dessen, was in Kuba als «cuentapropismo» bekannt ist, gibt es Einschränkungen, die dazu führen, dass die meisten Fachkräfte in ihrem Beruf nicht selbstständig arbeiten können, was das für die Stärkung der Wirtschaft des Landes verfügbare Humankapital verringert.

Wirtschaftslage

Raúl Castros Reformplan hat nicht den erhofften Erfolg gebracht, vor allem wegen der strengen Auflagen, denen diese Reformen unterliegen. Das Ausbleiben der angestrebten wirtschaftlichen Wiederbelebung hat sich in der schwachen Wirtschaftsleistung Kubas in den letzten Jahren gezeigt. Kuba leidet weiterhin unter einem chronischen Handelsdefizit. Die sogenannte «Aktualisierung des kubanischen Modells» hat zwar zu einer Ausweitung des Marktes und des nichtstaatlichen Eigentums geführt, doch in einer Wirtschaft, die nach wie vor von der staatlichen Planung geprägt ist, erweist sich diese Massnahme weiterhin als ineffizient, genau wie es in China oder Vietnam der Fall war. Das Wirtschaftsmodell muss sich ändern, damit Kuba vorankommt, und das scheint nicht in den Plänen der Kommunisten zu liegen.

„Die Situation, die wir derzeit in unserem Land erleben, und die Frage, wie wir dieses Jahr abschliessen und ins neue Jahr starten werden, ist besorgniserregend und äusserst ernst. Das Bedauerliche daran ist, dass wir seitens des kubanischen Regimes keinen politischen Willen erkennen können, die notwendigen Massnahmen umzusetzen – dringende und tiefgreifende politische, wirtschaftliche und soziale Veränderungen.“

Yaxis Cires, Leiter für Strategie beim Kubanischen Observatorium für Menschenrechte (OCDH), 2022

Löhne und Währung in Kuba

Geldwechsel in Kuba (1961)

Am Morgen des 5. August 1961 erwachte das kubanische Volk mit einer unerwarteten Nachricht: Die Zeitung Revolución verkündete auf ihrer Titelseite: «DIE REGIERUNG VERANSTALTET EINE BANKNOTENUMTAUSCHAKTION».

Der Artikel begann mit den Worten: «Die Konterrevolution hat soeben einen schweren Schlag erlitten, der ihren gesamten internen Apparat zur Finanzierung von Verschwörungen und zur Bezahlung von Terroristen, Mördern und Hamsterern schwächen wird.» Weiter hiess es: «Eine wichtige Massnahme, eine angemessene Antwort auf ein weiteres schändliches imperialistisches Manöver, wurde vom Ministerrat verabschiedet, indem der vollständige Umtausch der in Kuba als gesetzliches Zahlungsmittel geltenden Banknoten angeordnet wurde.»

Die Massnahme war bereits seit dem Jahr 1959 ohne die geringste Indiskretion vorbereitet worden und wurde vor allem dank des Überraschungseffekts sowie der Zusammenarbeit mit der Nationalen Wertpapierdruckerei in Prag, in der Sozialistischen Republik Tschechoslowakei, erfolgreich umgesetzt. Es heisst, man habe einen Trick angewandt: Man versteckte diese wertvolle Ladung in Waffenkisten, die Angehörige der Streitkräfte an alle im Land dafür vorgesehenen Orte transportierten, an denen der Umtausch stattfinden sollte.

Zu diesem Zweck erliess die Revolutionsregierung die Gesetze 963/61 und 964/61. Das erste Gesetz wurde vier Tage vor dem zweiten erlassen, da es nicht angebracht war, dass deren jeweilige Inhalte gleichzeitig bekannt wurden.

Das erste dieser Gesetze, das Gesetz Nr. 963/61, das am 4. August 1961 erlassen wurde, legte die allgemeinen Bedingungen für die Durchführung des obligatorischen Umtauschs aller im Land im Umlauf befindlichen Banknoten fest, die ihre schuldbefreiende Wirkung verlieren und deren Verwendung als gesetzliches Zahlungsmittel untersagt werden sollte. Am 6. und 7. August durfte ein Mitglied jeder Familie die zu diesem Zweck eingerichteten Stellen aufsuchen. Es durften jedoch jeweils nur 200 Pesos umgetauscht werden. Lag der Betrag über dieser Summe, wurde der Restbetrag auf den Namen des Antragstellers auf ein Sonderkonto eingezahlt und konnte ab dem 14. August desselben Jahres umgetauscht werden.

Das Gesetz 964/61 wurde am 8. August erlassen und sah vor, dass natürliche Personen, die den Umtausch des kürzlich auf ihre Sonderkonten eingezahlten Bargeldes vornehmen wollten, sofort einen Betrag von bis zu 1000 Pesos erhalten würden. Von diesem Betrag an bis zu 10’000 Pesos könnten monatlich jeweils 100 Pesos abgehoben werden. Alles, was die Ersteinlage von 10’000 Pesos überstieg, war nicht mehr einlösbar; das heisst, die Familien würden dieses Geld verlieren.

Seitdem war der Besitz von Dollar (Devisen) verboten, galt als schweres Vergehen und wurde mit Freiheitsstrafen geahndet. Das Verbot galt bis 1993.

Geldpolitik

  • 26. Juli 1993. Die Entkriminalisierung des Besitzes von Devisen im Land wird angekündigt – ein jahrzehntelang geltendes Verbot, das sogar als Straftat galt, das mit Gefängnisstrafen geahndet wurde.
  • 20. Dezember 1994. Es wird bekannt gegeben, dass ein «konvertierbarer Peso» (CUC) in Umlauf gebracht wird, um Devisengeschäfte abzuwickeln.
  • 15. Oktober 1995. In Havanna werden staatliche Wechselstuben (CADECA) eröffnet.
  • 8. November 2004. Die endgültige Ablösung des Dollars durch den konvertiblen kubanischen Peso (CUC) tritt in Kraft.
  • 15. November 2004. Kuba erhebt eine Steuer von 10 Prozent auf den Umtausch von Bargeld in Dollar.
  • 21. Dezember 2017. Raúl Castro erklärt vor der Nationalversammlung, dass die Lösung des Problems des Parallelumlaufs zweier Währungen «nicht länger hinausgezögert werden darf».
  • Oktober 2019. Die ersten Geschäfte, in denen ausschliesslich mit Devisen (MLC) über elektronische Karten bezahlt werden kann, öffnen ihre Türen und bieten stark nachgefragte Artikel wie Haushaltsgeräte sowie Auto- und Motorradteile an.
  • 20. Juli 2020. Die seit 2004 geltende Abgabe von 10 Prozent auf den Umtausch des US-Dollars wird abgeschafft.
  • 20. Juli 2020. Der Verkauf von Waren in Devisen wird auf Grundnahrungsmittel sowie Hygiene- und Reinigungsartikel ausgeweitet.
  • 10. Dezember 2020. Der designierte Präsident Kubas, Miguel Díaz-Canel, und der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Raúl Castro, kündigen an, dass der CUC am 1. Januar 2021 aus dem Umlauf genommen und ein einheitlicher Wechselkurs von 24 CUP pro US-Dollar eingeführt wird.

Der konvertierbare kubanische Peso (peso cubano convertible CUC)

Als die kubanische Wirtschaft nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in eine schwere Krise geriet, beschloss die kubanische Regierung 1993, den US-Dollar als Zahlungsmittel zu legalisieren. Allerdings war die US-Währung schon seit langem auf dem Schwarzmarkt für Mangelwaren etabliert, der für die kubanische Bevölkerung immer wichtiger wurde, und die Regierung wollte dem ein Ende setzen. Gleichzeitig benötigte der Staat dringend Devisen für seine Importe, nachdem die Handelsbeziehungen zu den ehemaligen kommunistischen Staaten Osteuropas weitgehend eingestellt worden waren. 1994 wurde der Dollar durch den konvertiblen Peso als nationale Fremdwährung ersetzt.

Touristen, deren Zahl in den 1990er Jahren erheblich zunahm, mussten nun (fast) alles in Dollar bezahlen. Auf diese Weise sicherte sich der Staat eine ständig sprudelnde Devisenquelle. Für Touristen, Diplomaten und Kubaner mit Sondergenehmigung wurden Dollar-Läden eingerichtet, in denen sogenannte «Luxusartikel» (Güter, die im «Versorgungsheft»-System nicht erhältlich sind oder nur in seltenen Fällen erworben werden können) mit Devisen gekauft werden konnten. Für jeden Dollar, der in die kubanische Wirtschaft floss, wurde ein CUC ausgegeben, und beide Währungen wurden in der aufstrebenden Wirtschaft verwendet, die vom Tourismus, von Überweisungen und von ausländischen Investitionen abhängig war.

Später konnte auch die breite Öffentlichkeit dort einkaufen. Da es viele Produkte gab, die in normalen Läden nicht in Pesos erhältlich waren, entstand eine Parallelwährung, die stärker war als der lokale Peso. Diese Massnahmen schufen in den 90er Jahren ein stabileres Land, in dem drei Währungen gleichzeitig nebeneinander existierten, obwohl es in Wirklichkeit in diejenigen, die Dollar besassen, und den Rest gespalten war.

Bereits seit 2003 hatte sich der CUC als die Währung durchgesetzt, mit der staatliche Unternehmen handeln mussten, doch im November 2004 wurde beschlossen, dass der Dollar nicht mehr als Zahlungsmittel für den Kauf von Waren zirkulieren sollte und fortan nur noch CUC oder Pesos verwendet werden durften. Der Umlauf des Dollars in Kuba wurde nicht verboten, doch wurde von seiner Verwendung – insbesondere bei Barzahlungen – durch die Einführung einer Steuer von 10 % auf den Umtausch abgeschreckt. Bankkonten in Dollar blieben weiterhin bestehen.

Das Ergebnis war ein Land, in dem Anreize bestanden, alles zu importieren, um es in CUC zu verkaufen und weiter zu importieren. Der Export oder die Produktion für den lokalen Markt wurde unmöglich. Und das Problem der Löhne im staatlichen Sektor schien unlösbar. Mit Löhnen, die umgerechnet 20 oder 30 CUC betrugen, konnte man kaum jene Produkte kaufen, die importiert wurden.

Diese Situation prägte die neue Wirtschaft, die nach und nach aufhörte, Lebensmittel oder Industrieprodukte herzustellen, die der Binnenmarkt benötigte. Diese konnten immer importiert werden, solange der Tourismus weiterlief, solange die Kubaner weiterhin in Länder auswanderten, in denen sie tatsächlich Dollar verdienen konnten, und solange Venezuela und andere Länder weiterhin medizinische Dienstleistungen in Anspruch nahmen.

Von den USA aus hatten die Auswanderer bessere Möglichkeiten, Devisen an ihre Familienangehörigen zu überweisen, was zum Teil dem Dienst von Western Union zu verdanken war, der Ende 1995 seinen Betrieb aufnahm. Im Laufe der Zeit sollten die Überweisungen zu einer der wichtigsten Einnahmequellen des Landes werden.

Währungsunion – galoppierende Inflation

Ab dem 1. Januar 2021 vereinheitlichte Kuba seine beiden Währungen und die zahlreichen Wechselkurse und liess nur noch einen einzigen Wechselkurs im Umlauf – eine lang erwartete Massnahme zur Vereinfachung des Wirtschaftsmodells. Der konvertible Peso (CUC), der fast drei Jahrzehnte lang gültig war, ging in die Geschichte ein. Damit gibt es nur noch einen offiziellen Wechselkurs, den kubanischen Peso (CUP). Präsident Miguel Díaz-Canel beendete damit eine mehr als 25-jährige Ära, in der diese beiden Währungen im Umlauf waren, mit dem Ziel, ein weniger komplexes System und eine «stärkere» Wirtschaft zu schaffen, auch wenn Experten und die Bevölkerung insgesamt Inflationsschocks befürchten.

Diese Reform, die als eine der bedeutendsten zur Modernisierung des sozialistischen Modells angesehen wird, wird nicht allein stehen. Sie wird begleitet von einer Lohnreform, einer Rentenreform, einer Erhöhung der Preise für Güter und Dienstleistungen wie Strom sowie einem schrittweisen Abbau von Subventionen.

Doch was wird sich in der Praxis in einem Land ändern, das heute die schlimmste Krise der letzten drei Jahrzehnte durchlebt?

Dies führte zu einer Abwertung des kubanischen Pesos. Der Wechselkurs der Währung schoss vom offiziellen Kurs von 24 auf 120 Pesos pro Dollar in die Höhe. Auf dem Schwarzmarkt liegt er bei 180.

„Obwohl die Löhne im Rahmen der Reform um durchschnittlich 450 % gestiegen sind, sind die Preise himmelhoch und halten nicht mit den Löhnen Schritt. Ich erhalte eine monatliche Rente von 1’528 kubanischen Pesos, was nach dem offiziellen Kurs 13.8 Dollar entspricht – fast genauso viel, wie eine Schachtel mit 30 Eiern heute kostet (14 Dollar). Ich kaufe, was ich bekomme, und esse immer Poulet. Was mir Sorgen bereitet, ist, dass die Welt für die Kubaner ungleicher geworden ist.“

Zeugenaussage einer Kubanerin, 2023

Offiziellen Zahlen zufolge stieg die Inflation im Jahr 2021 um 70 % und im Jahr 2022 um 39 %. Ökonomen zufolge haben die offiziellen Statistiken die tatsächliche Inflation jedoch um das 5- bis 6-Fache unterschätzt. Die reale Inflationsrate lag 2022 bei über 200 % und gehörte damit zu den höchsten weltweit; sie lag sogar noch über den Werten während der sogenannten «Sonderperiode» in den 1990er Jahren.

Geschäfte in MLC (moneda libremente convertible – frei konvertierbare Währung)

MLC ist nichts anderes als eine Bezeichnung für alle Devisen, die in Kuba «kostenlos» umgetauscht werden können. MLC ist ein digitaler Geldwert, der einem speziellen Bankkonto gutgeschrieben wird, das nur Kubanern zur Verfügung steht, sobald eine Einzahlung (per Banküberweisung oder in bar bei der Bank) in einer Fremdwährung (CHF, EUR, GBP, USD usw.) auf ein MLC-Konto erfolgt ist. In den speziellen MLC-Läden, in denen die Bezahlung in CUP oder bar verboten ist, werden ausschliesslich von einer kubanischen Bank ausgestellte MLC-Debitkarten oder internationale Kreditkarten akzeptiert.

Angesichts dieser Umstände beschloss die Regierung im Oktober 2019, Läden in frei konvertierbarer Währung (MLC) zu eröffnen, damit die Bevölkerung Zugang zu bestimmten Haushaltsgeräten und Ersatzteilen erhält. Ab dem Jahr 2020 wurde jedoch die Anweisung erteilt, auch Produkte des täglichen Bedarfs zu verkaufen – mit der Begründung, Devisen zu beschaffen und damit die Geschäfte in Landeswährung zu versorgen; der Verkauf in Dollar habe «das Ziel, Finanzmittel für den Kauf weiterer Rohstoffe zu beschaffen und Gewinne zu erwirtschaften, die in Verbesserungen für die Industrie und die Arbeitnehmer fliessen». Tatsächlich sind die Läden, die in Landeswährung geführt werden, nach wie vor unterversorgt, und das Versprechen wurde nie eingehalten; ausserdem entstand dadurch eine noch grössere Ungleichheit beim Zugang zu Lebensmitteln, da nicht alle Kubaner Zugang zu MLC (Dollar) haben.

Alle «Massnahmen» der kubanischen Regierung werden seit 64 Jahren als dringend und unvermeidlich dargestellt, sind von Geheimhaltung geprägt und werden drastisch umgesetzt – mit der Begründung, der Schikane durch den US-Imperialismus entgegenzuwirken und der Wirtschaft des Landes zu nützen. In Wirklichkeit stellen sie jedoch niemals eine Alternative dar, um dem US-Embargo zu entgehen oder ihm Widerstand zu leisten, sondern dienen lediglich dem kurz- und mittelfristigen Nutzen des Staates. Solche Entscheidungen führen in der Regel zu einer verstärkten staatlichen Kontrolle und schränken die Möglichkeiten der Bürger ein, an den grundlegenden Abläufen der nationalen Wirtschaft mitzuwirken, was immer wieder direkte negative Auswirkungen auf das ohnehin schon prekäre und gefährdete Leben der Kubaner hat.


Miguel Díaz-Canel: Öffnung des Handels für ausländische Unternehmen – der Ausverkauf des Landes

Kuba unterscheidet sich stark von anderen Ländern, insbesondere im Handel. Es gibt keine Einkaufszentren, Supermarktketten oder Franchise-Filialen lokaler und internationaler Marken, wie sie im übrigen lateinamerikanischen Kontinent und in weiten Teilen der Welt üblich sind.

Alle Käufe und Verkäufe im Detail- und Grosshandel sowie Exporte und Importe unterliegen der ausschliesslichen Kontrolle des Staates. Doch der Staat ist praktisch bankrott.

Den wenigen Geschäften für Bekleidung, Elektronik oder Haushaltsgeräte fehlt es an Angebot, weshalb diese und andere Produkte durch Reisen von Privatpersonen ins Land gelangen und auf dem Schwarzmarkt zu überhöhten Preisen verkauft werden. Die Knappheit an Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Medikamenten wird immer dringlicher, hinzu kommt eine Energiekrise mit ständigen Stromausfällen. Zudem befindet sich die Produktion des Landes auf einem Tiefpunkt, unter anderem aufgrund des Mangels an Maschinen, Ersatzteilen und Betriebsmitteln, die für die Landwirtschaft und die industrielle Produktion benötigt werden. Die Folge: Eine Abwanderungswelle von mehr als 100’000 Menschen, darunter viele junge Menschen, in die USA und nach Europa.

Nach unzähligen erfolglosen Wirtschaftsreformen hat die Regierung von Präsident Miguel Díaz-Canel einen Schritt angekündigt, um die Lage zu entschärfen. Im September 2022 wird der Gross- und Detailhandel zum ersten Mal seit über 60 Jahren für ausländische Investoren geöffnet. Das Regime hat beschlossen, ausländische Unternehmen in den Handel zuzulassen, einem Schlüsselsektor ihrer zentralistischen Wirtschaft.

Im Grosshandelssektor würden ausländische Unternehmen gemäss dem Plan der Regierung die notwendigen Vorleistungen verkaufen, um die schwache landwirtschaftliche und industrielle Produktion des Landes anzukurbeln. Im Detailhandel würden sie sich darauf konzentrieren, die Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen. Es soll gefördert werden, dass sie sich in erster Linie auf den Verkauf von Rohstoffen, Betriebsmitteln, Ausrüstung und anderen Gütern konzentrieren, die zur Förderung der Entwicklung der nationalen Produktion beitragen, sowie auf die Versorgung mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln, Produkten aus dem Billigsegment und für die Installation von Stromerzeugungssystemen mit erneuerbaren Energiequellen.

Die kubanische Regierung teilte mit, dass die Verkäufe ausländischer Unternehmen in Kuba in Devisen abgewickelt werden. Dies bedeutet, dass Kubaner, die keinen Zugang zu Dollar haben – in der Regel diejenigen, die keine Geldüberweisungen von ihren Verwandten im Ausland erhalten –, die angebotenen Produkte und Güter nicht kaufen können.

Dies ist in Kuba bereits der Fall, wo der Staat seit 2020 einen Grossteil der Lebensmittel, Grundbedarfsgüter und sogar Medikamente gegen Devisen verkauft, was viele Menschen in eine Situation extremer Gefährdung gebracht hat.

Ausländische Unternehmen werden im Land nicht frei agieren können: Sie sind verpflichtet, gemeinsam mit dem kubanischen Staat zu operieren, vor allem in Form von gemischten Unternehmen. Bei dieser Art von Unternehmen, die im Tourismussektor üblich sind, hält die kubanische Regierung in der Regel einen Anteil von etwas mehr als 50 %. Die kubanischen Behörden betonten tatsächlich, dass diese Öffnung nicht das Ende des staatlichen «Monopols» auf den Handel bedeute. Die ausländische Seite würde die Produkte liefern, während Kuba sich um die Arbeitskräfte, das Lager und den Transport kümmern würde, und die Gewinne würden zu etwa gleichen Teilen aufgeteilt. Es könnte vorkommen, dass eine Kette beginnt, ihre Marke einzuführen und eines dieser Geschäfte zu beliefern. In einem gemischten Unternehmen würde die kubanische Seite die bereits vorhandene Infrastruktur und das vorhandene Personal beisteuern, während die ausländische Kette ihre Marke, die Waren und die Finanzierung einbringen würde.

Wird es Unternehmen geben, die bereit sind, in den kubanischen Handelssektor zu investieren? Es wird immer risikofreudige Investoren geben, und auf dem kubanischen Markt gibt es viele Chancen, weil es an allem mangelt.

  • Erstens: Wenn eine Supermarktkette nach Kuba expandieren will, muss sie einen sehr komplizierten Weg voller Bewilligungen, Bürokratie und Genehmigungen zurücklegen … Generell könnte die strenge staatliche Kontrolle über die Wirtschaft laut Ökonomen viele Investoren abschrecken.
  • Die zweite Hürde wäre die Zahlungsunfähigkeit des kubanischen Staates, der seinen Lieferanten mehrere Milliarden Dollar schuldet und aus genau diesem Grund nicht mehr beliefert wird. Kuba hat sehr viele Schulden, die es nicht begleicht. Es müsste daher geprüft werden, wie die neuen Unternehmen vor Zahlungsausfällen der Regierung geschützt werden können. Die Behörden kündigten an, dass es anfangs «keinen Wettbewerb» auf dem Markt geben werde und dass sie Unternehmen Vorrang einräumen würden, die bereits seit mehreren Jahren in Kuba ansässig sind. Doch gerade diesen Unternehmen schuldet der Staat erhebliche Summen, weshalb unklar ist, ob sie sich entschliessen werden, mit ihrem zahlungsunfähigen Schuldner neue Projekte in Angriff zu nehmen.
  • Drittens hat Kuba ein ernstes Währungsproblem: Seine Wirtschaft ist zunehmend dollarisiert, und seine Landeswährung, der Peso, hat keinen internationalen Wert mehr und ist gegenüber dem US-Dollar auf ein Fünftel seines Wertes gesunken. Es müsste über den Wechselkurs verhandelt werden und darüber, wie die Gewinne dieser Investoren einen zügigen Weg aus Kuba finden können – was schon immer ein Problem war. Es stellt sich das finanzielle Problem: wie wird bezahlt, in welcher Währung, zu welchem Wechselkurs? Wenn sie in kubanischen Pesos verkaufen, wären die Preise sehr hoch. Und wird der Staat den Unternehmen diese in Devisen umtauschen, damit sie sie ins Ausland bringen können, oder wird er genehmigen, dass sie direkt in Devisen verkaufen? Wenn ja, entsteht bereits ein Widerspruch.

Entkapitalisierung

Seit langem analysieren Experten der kubanischen Wirtschaft die tiefgreifende Entkapitalisierung des Sachvermögens der Wirtschaft, die mit einem enormen Rückgang der Bruttoanlageinvestitionen (FBCF) einhergeht.

Zu diesem Entkapitalisierungsprozess, der hauptsächlich auf die mangelnde Erneuerung und Modernisierung der Sachanlagen zurückzuführen ist, haben auch andere negative Faktoren beigetragen, wie zum Beispiel mangelnde Wartung, die Verwendung von minderwertigen Betriebsmitteln, der Betrieb von Ausrüstung unter äusserst widrigen Bedingungen (Beförderung auf Strassen in miserablem Zustand oder mit sehr hoher Passagierauslastung) sowie sogar die unsachgemässe Bedienung der Ausrüstung durch unzureichend geschulte Mitarbeiter oder solche, die kein Interesse daran haben, die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel zu schonen.

Vor diesem ungünstigen Hintergrund und mangels einer Modernisierungspolitik – die bisweilen auf politische Faktoren zurückzuführen ist, wie dies im Telekommunikationsbereich der Fall ist – ist der unaufhaltsame Anstieg der technologischen oder, wie manche es nennen, moralischen Abwertung offensichtlich, mit der Folge, dass sich das Land insgesamt in einer Phase sehr gefährlichen produktiven Niedergangs befindet, und dies in einer globalisierten Welt, in der der Wettbewerb immer stärker wird.

Das Phänomen der zunehmenden nationalen Entkapitalisierung lässt sich leicht am Niedergang der Zuckerindustrie, am katastrophalen Zustand der Infrastruktur – einschliesslich Eisenbahnstrecken, Autobahnen, Strassen, Gebäude, Wohnhäuser, Wasser- und Stromleitungen – sowie an einem erschreckenden technologischen Rückstand in Fabriken, im Verkehrswesen, in der Landwirtschaft, in Bildungs- und Kultureinrichtungen und anderen Bereichen erkennen. Dies zeigt, dass das Land zunehmend zerfällt.

Parallel zur rasanten Wertminderung der Sachanlagen des Landes schreitet eine andere, noch schlimmere Form der Entwertung des nationalen Erbes voran: die Entkapitalisierung des Humankapitals, die sich seit Jahren auf verschiedene Weise fortsetzt.

Der Verlust, Mangel und Verfall wissenschaftlich-technischen Wissens ist einer davon; ein weiterer, noch weiter verbreiteter und schädlicherer Faktor, der in Zukunft noch schwerer zu beheben sein wird, ist die Aushöhlung spiritueller Werte, einschliesslich jener, die mit der nationalen Identität sowie ethischen, moralischen und staatsbürgerlichen Konzepten zusammenhängen. Diese lassen sich zwar wirtschaftlich nur schwer messen, haben aber zweifellos einen enormen Einfluss auf die allgemeine Entwicklung eines Landes.

Was den Wissensverlust betrifft, so ist ein wichtiger Faktor die anhaltende Abwanderung von Fachleuten und bedeutenden Künstlern ins Ausland, die von der nationalen Realität enttäuscht sind und sich ein würdiges Leben für sich und ihre Familien wünschen, frei von Verfolgung und ideologischen Dogmen. Hinzu kommt eine grosse Zahl von Fachkräften, die aus der Not heraus ihre Berufe aufgegeben haben, um Tätigkeiten mit geringeren Ausbildungsanforderungen nachzugehen, wodurch sie sich durch den Verlust der beruflichen Praxis zunehmend qualifikationsmässig abwerten. Selbst jene Fachkräfte, die an ihren Arbeitsplätzen verbleiben, verfügen in der Regel nicht über ausreichende Anreize und Mittel, um sich weiterzuentwickeln – eine schwierige Aufgabe unter den gegenwärtigen Bedingungen, in denen es an aktuellen wissenschaftlich-technischen Informationen mangelt.

Zudem unterliegen die meisten Fachkräfte – anders als es weltweit der Fall ist – enormen Einschränkungen beim Zugang zum Internet und bei der Beschaffung von Informationen, die es ihnen ermöglichen würden, in einer Zeit rascher wissenschaftlicher und technologischer Entwicklung auf dem Laufenden zu bleiben.

Hinzu kommt ein Bildungssystem, das – obwohl die Regierung versucht, es von improvisierten Methoden und absurden Extremen zu befreien (neue und ganzheitliche Lehrer, die in wenigen Monaten zu Lehrern für Jugendliche ausgebildet werden, Schulen auf dem Land, lange Zeiträume, in denen die Schüler in der Landwirtschaft arbeiten) – das alte dogmatische System beibehält und den weltweiten Fortschritten fern bleibt, insbesondere der Revolution in den Kommunikationstechniken, einschliesslich des Internetzugangs. Auch wenn die offizielle Propaganda weiterhin davon spricht, eine Million Hochschulabsolventen ausgebildet zu haben (praktisch 10.0 % der Bevölkerung des Landes), müsste man prüfen, wie viele von ihnen tatsächlich das Niveau erreichen, das den international geforderten Standards entspricht – eine Tatsache, die sogar von hochrangigen offiziellen Persönlichkeiten anerkannt wird.

In diesem bedauerlichen Szenario hat sich eine neue Moral herausgebildet, die alles zulässt, womit die Bevölkerung versucht, jeden Verstoss gegen die elementarste Ethik zu rechtfertigen, um in diesem Dschungel zu überleben, zu dem Kuba geworden ist. Die Merkmale der neuen Verhaltensnormen beruhen auf Doppelmoral, Lüge, Heuchelei, Diebstahl und Betrug – Folgen jahrzehntelanger Not und Unterdrückung durch ein Regime, das ausschliesslich daran interessiert ist, seine uneingeschränkte Macht über das kubanische Volk aufrechtzuerhalten.

Zwar wurden zu Beginn der Revolution die Verteidigung der nationalen Souveränität, Unabhängigkeit und Identität als Hauptziele festgelegt, doch in der Realität stellen die Bürger und insbesondere die Jugend fest, dass Kuba über all die Jahre hinweg wirtschaftlich von anderen Ländern abhängig war. Rund drei Millionen Kubaner sind ins Ausland ausgewandert, und viele weitere würden dies tun, wenn sie die Gelegenheit dazu hätten.

Im Falle Kubas ist die Lage kompliziert, denn während gleichzeitig der materielle Wiederaufbau erfolgen muss, gilt es auch, die moralischen Werte wiederherzustellen, die während so vieler Jahre des Totalitarismus und der Krise verloren gegangen sind.

Es gilt nicht nur, für den materiellen Wiederaufbau zu kämpfen, sondern auch für die Wiederherstellung der Seele der Kubaner.


Weitere Quellen: Hans-Jürgen Burchardt, La Joven Cuba, Cubacute, Sergio Ángel, Nastassja Rojas, Bruno Sovilla, Carmelo Mesa-Lago, Fernando García, Archibald Ritter, Yoani Sanchez, Atahualpa Amerise, Sanne Derks, Julio Batista Rodríguez, Diario las Américas, Valeria Vásquez, Tomás Cardoso, Inés Casal, 14ymedio, Oscar Espinosa Chepe, Tomás Ernesto Pérez, aidablog, Alexander Figueredo, Ángeles Rosas, Norley Pérez, Pedro Campos, Mario Pentón